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Ziel

Ausgangsprobleme

Prognosen versus Visionen

Kommentare zu den strategischen Forschungsthemen

Bedeutung der Urbanität in der Zukunft

Dokumentation

 

 

Auftaktveranstaltung

Auftaktveranstaltung Zukunft München 2030

SiemensForum München
31. Oktober 2001, 20.00 Uhr

Ein kurzer Diskussionsüberblick

1 Ziel

Die Auftaktveranstaltung hatte sich zum Ziel gesetzt, das Forschungsprojekt "Zukunft Stadt 2030" des Bundesministeriums für Forschung und Bildung(BMBF), an dem sich die Landeshauptstadt München gemeinsam mit Münchner Forschungseinrichtungen beteiligt, in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Im Rahmen des Forschungsprojektes sollen langfristige Zielvorstellungen für die Entwicklung der Stadt entwickelt werden. Dies kann und soll kein Thema ausschließlich von Experten sein. Vielmehr soll deren Diskussion von einer breiten Öffentlichkeit unterstützt werden. Langfristige Zielvorstellungen werden nur dann die Entwicklung prägen können, wenn sie von einem breiten öffentlichen Konsens getragen werden.

Das Forschungsprojekt ist eine Reaktion auf die sich verschärfenden Entwicklungsprobleme der Städte einerseits und andererseits dem Mangel an Instrumenten, um die Probleme zu bewältigen. Es besteht die Erwartung, dass die Entwicklung von langfristigen Zukunftsvorstellungen die Defizite bei der Problembewältigung etwas ausgleichen kann.

2 Ausgangsprobleme

An dem Forschungsprojekt beteiligen sich neben München weitere 20 deutsche Städte. Die Städte wurden danach ausgewählt, dass möglichst alle gegenwärtig bedeutsamen Probleme Stadtentwicklung behandelt und bearbeitet werden. Es zeigt sich, dass die deutschen Städte völlig unterschiedliche Zukunftsprobleme haben. Auf der einen Seite des Problemspektrums stehen die stagnierenden und schrumpfenden Städte, auf der anderen Seite stehen die Städte, die sich mit den negativen Folgen des Wachstums auseinandersetzen müssen.

München wurde in das Forschungsprogramm aufgenommen, weil hier beispielhaft untersucht werden kann, wie ungebremstes ökonomisches Wachstum die überkommenen sozialen Strukturen zu zerstören und damit die soziale Integration aufzulösen droht. Die wachstumsbedingten Entwicklungsprobleme zeigen sich z.B. im zunehmenden Mangel an bezahlbaren Mietwohnungen und an bezahlbaren Gewerbeflächen für einfache Dienstleistungsberufe, so dass viele Familien und Dienstleister gezwungen werden, aus der Stadt auszuziehen. Angesichts der rapiden ökonomischen Entwicklung wird das erlernte Wissen entwertet, so dass wachsende Gruppen aus dem Erwerbsleben ausgeschlossen werden. Die vom Wachstum profitierenden Gruppen kaufen Wohnungen und Einfamilienhäuser in der Region und verstärken damit den innerregionalen Verkehr, der bereits jetzt an die Grenzen seiner Kapazität angelangt ist. Es stellt sich also für München die Frage, wie die soziale Integration auf Dauer gewährleistet werden kann.

3 Prognosen versus Visionen

Im Rahmen des Forschungsprojektes sollen keine Zukunftsprognosen aufgestellt werden. Die Vergangenheit hat gelehrt, dass alle Prognosen ihr Ziel verfehlt haben. Bestenfalls haben die Prognosen die politische Funktion gehabt, auf problematische Entwicklungen hinzuweisen. Wenn sie erreicht hatten, dass diesen Entwicklungen entgegengesteuert wurde, hatten sie ihre Funktion erfüllt.

Angesichts der nicht voraussehbaren Entwicklungen kommt es heute darauf an, dass langfristige Zielvorstellungen entwickelt werden, die die Kraft haben, das politische Handeln anzuleiten. Sie sollen ermöglichen, dass die bestehenden Planungs-, Handlungs- und Gestaltungsspielräume erkannt und genutzt werden. So wie in der Industrie der Planungshorizont auf 3 bis 5 Jahre zusammengeschrumpft ist und fortlaufend die Ziele anhand der erreichten Ergebnisse überprüft werden, so müssen auch in Zukunft die Ziele der Stadtentwicklung fortlaufend einer kritischen Revision unterzogen werden.

4 Kommentare zu den strategischen Forschungsthemen

Das Münchner Forschungsprojekt wird sich auf drei strategische Forschungsfelder konzentrieren: Soziale Integration und Segregation, Wissen und Kreativität und Mobilität und Kommunikation. Mit Rücksicht auf die beschränkten finanziellen und zeitlichen Ressourcen wurde auf diese Weise eine thematische Beschränkung vorgenommen. Aber die Diskussion hat gezeigt, dass damit keine wesentlichen weiteren Fragestellungen ausgeklammert wurden.

4.1 Soziale Integration

In der Diskussion wurde immer wieder die Gefahr der zunehmenden Polarisierung der Bevölkerung angesprochen. Diese drückt sich in einer wachsenden ökonomischen Ungleichheit in der Stadt aus. Ein zunehmender Teil der Menschen kommt überhaupt nicht mehr in der Erwerbstätigkeit oder wird weit vor Erreichen der Altergrenze aus dem Erwerbsleben ausgesteuert. Die Familien fallen auseinander, so dass viele Dienstleistungen, die früher in den Familien erbracht wurden, jetzt von der Gemeinschaft bereitgestellt werden müssen. Hinzu kommt ein wachsender Anteil von ethnisch Nichtdeutschen. Alle diese Prozesse führen zu einer wachsenden sozialräumlichen Segregation.

Die kulturelle und ökonomische Heterogenität, die bisher immer das Wesen der Stadt ausgemacht hat, beginnt zum Problem zu werden, weil die Stadt an die Grenzen ihrer Integrationsfähigkeit stößt. Angesichts der zentrifugalen Kräfte muss nach innovativen Lösungsansätzen und neuen Modellen des Zusammenlebens gesucht werden, wie das Bedürfnis nach Verortung und Eingebundensein gesichert werden kann. Es wurde aber vor einer Überschätzung von neuen Modellen gewarnt. Neue Modelle könnten den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht wieder herstellen, wenn die politischen und ökonomischen Prozesse auf immer mehr Polarisierung abzielen. Es wurde gefordert, dass die Städte bei ihrer Integrationsaufgabe durch europaweit geltende Sozialmindeststandards unterstützt werden müssten.

Allerdings seien die sozialen Probleme Münchens im Vergleich mit anderen Großstädten gegenwärtig noch relativ geringfügig. Aber das dürfe nicht dazu führen, darauf zu verzichten, drohenden Entwicklungen frühzeitig entgegenzusteuern.

4.2 Wissen und Kreativität

Die Stadt ist mit ihren heterogenen Milieus immer ein Ort der Kreativität gewesen. Es stellt sich die Frage, wie die Kreativität angesichts der beschleunigten Wissensentwicklung und der damit verbundenen beschleunigten Geschwindigkeit des Wandels gesichert werden kann. München sei zwar gegenwärtig international exzellent im Bereich Forschung und Entwicklung positioniert. Es käme aber darauf an, den Standortvorteil zu sichern und auszubauen. Als ein Ansatzpunkt wurde ein kontinuierlicher Erfahrungsaustausch mit anderen Spitzenstandorten genannt. Ein anderer Ansatzpunkt wurde in der Bewahrung von zu schützenden Bereichen gesehen, um kreativen Ideen den Raum für Entwicklung zu geben. Dies sei besonders auch für Künstler wichtig, die bei einer konsequenten kommerziellen Durchnutzung aller Räume nur noch geringe Entfaltungschancen hätten.

Eine besondere Herausforderung wurde darin gesehen, dass das kreative Potential der älteren Menschen gesellschaftlich genutzt wird. Die traditionellen Altersbilder, die den älteren Menschen Lernen und Kreativität absprechen, müssten korrigiert werden.

4.3 Mobilität und Kommunikation

Erstaunlicherweise wurden zu dem Themenfeld Mobilität und Kommunikation relativ wenige direkte Kommentare abgegeben. Dies mag daran liegen, dass der Moderator keine gezielten Fragen zur diesem Problemkreis formuliert hat. Bedeutsamer ist wahrscheinlich der Grund, dass den sozialen Problemen eine höhere Priorität eingeräumt wurde. Außerdem sind die Veränderungen der Kommunikationsstrukturen so komplex, dass sie sich noch einer öffentlichen Diskussion entziehen.

Ein wichtiges Schlaglicht auf die zukünftigen Verkehrsprobleme war, dass wie im letzten Jahrzehnt auch in Zukunft zusätzliche Arbeitsplätze nur noch im Umland geschaffen werden. Daraus ergibt sich eine Zunahme des innerregionalen Verkehrs, der mit dem Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs bewältigt werden muss.

5 Bedeutung der Urbanität in der Zukunft

Das Forschungsprojekt geht von der Überzeugung aus, dass die Stadt der Zukunft die Region ist. In der Kernstadt wird sich relativ wenig ändern. Die großen Veränderungen finden außerhalb im Umland statt. Die Stadt der Zukunft wird daran gemessen werden, ob es gelingen wird, auch im Umland urbane Qualitäten mit vielfältigen Angeboten, mit heterogenen Lebensstilen und guten Verkehrsverbindungen zu schaffen.

In der Diskussion wurde die Überzeugung artikuliert, dass das Bedürfnis nach einem Platz in der Stadt, in dem Nähe, Gemeinschaftserlebnis, Auseinandersetzung und Willensbildung möglich ist, in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Von neuen städtebaulichen Projekten wird verlangt, dass sie eine urbane Mischung von Kultur, Arbeit und Freizeit bieten. Nur wenn die Stadtviertel attraktiv sind, wird es gelingen, dass die Unternehmen Mitarbeiter von außerhalb anwerben können.

Löst sich die Stadtstruktur auf, wenn ein zunehmender Teil der Bevölkerung wechselnde und ungewöhnliche Arbeitszeiten hat? Dies wird wahrscheinlich nicht der Fall sein. Einige Stadtviertel werden sich den neuen Zeitstrukturen anpassen. Aber andere Stadtviertel werden ihre Strukturen behalten, da der größere Teil der Bevölkerung an die traditionellen Arbeitszeiten gebunden bleiben wird.

Die Auftaktveranstaltung stand unter dem Schock des 11. September. Es wurde die Frage gestellt, wie die Städte auf die latente Gefahr der terroristischen Bedrohung reagieren. Es wurde die Meinung vertreten, dass die Städte dieses Problem nicht durch größte Schutzaufwendungen lösen können. Die Städte müssten ihre Freiheit dadurch sichern, dass die großen Asymmetrien in der Welt abgebaut werden. Die Städte hätten schon viele Angriffe durch Krieg, Pest oder Erdbeben überstanden, und sie werden deshalb so weiter leben, wie sie bisher gelebt haben.

Es wurde dafür plädiert, an der Behäbigkeit und Trägheit des städtischen Wandels gegenüber dem raschen Wandel, den die Wirtschaft verlangt, festzuhalten. Die Stadtpolitik steht vor der schwierigen Aufgabe, einerseits den berechtigten Bedürfnissen der Stadtbürger Raum zu schaffen, aber andererseits auch den aus der Globalisierung der Wirtschaft ergebenen Herausforderungen gerecht zu werden.

Klaus Neubeck

... zur Dokumentation der Veranstaltung

 
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