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Quartiersforum und Forschungsauftrag

Arbeitsatmosphäre

Entstehung und Geschichte der Maxvorstadt

Ablauf

Mitarbeit

Plenumspräsentationen

Abschlußstatement

Erkenntnisse

Konferenz für Sicherheitspolitik

 

 

Quartiersforum Maxvorstadt
am 1. und 2. Februar 2002

Andreas Romero

Bericht und Einschätzung


Quartiersforum und Forschungsauftrag

Zukunftsvisionen müssen in der Stadtbevölkerung verankert werden. Es muß für jede und jeden begreifbar und dingfest werden, wie Probleme in der Stadt in Zukunft gelöst werden können. Wenn man auf bürgerschaftliches Engagement als wichtige Ressource sozialer Integration setzt, muss wissenschaftliches Nachdenken und Diskutieren immer wieder sich der bürgerschaftlichen Problemlage rückversichern. Es gehört zur Herausforderung an die Wissenschaftsdisziplin das System "bürgerschaftliches Zukunftsdenken" nicht als fremdes Element, sondern als intergralen Bestandteil eines weitgespannten gedanklichen Horizonts zu verstehen. Dieser Spannungsbogen ist zu beschreiben, auszuhalten und gegen grundsätzliche Kritik zu verteidigen. Ich gehe davon aus, dass die Ergebnisse zum Schluss die überwiegende Zahl der Interessierten überzeugen werden.

Arbeitsatmosphäre

Für mich und für das Projekt "München 2030 - Forschungsfeld Wissen und Kreativität" war das Quartiersforum ein Erfolg. Wir hatte am Freitag 48 und am Samstag 38 Teilnehmer. Die an beiden Tagen Anwesenden beliefen sich auf 30. Die Integration neuer TeilnehmerInnen am zweiten Tag verlief problemlos. An beiden Tagen muß das Team mit 15 Personen noch hinzugerechnet werden. Wir hatten eine gute Presse sowohl vor als auch nach dem Quatiersforum. Die Atmosphäre während des QFM war anregend kreativ, ernsthaft, arbeitssam und produktiv. Als Projektleiter war mir von Anfang an klar, dass wir Wissenschaftler unsere Beiträge bei diesem QFM in den Dienst einer Sache stellen müßten: die Aktivierung der TeilnehmerInnen. Das ist überwiegend gelungen. Jedoch gab es auch Unzufriedenheit: Am ersten Tag wurde ein Punkt, am zweiten Tag wurden drei Punkte in das Beurteilungsfeld "unzufrieden" geklebt. Ansonsten waren alle Beurteilungspunkte in den zufriedenen und zustimmenden Bereichen.

Mein Einleitungsstatement - Entstehung und Geschichte der Maxvorstadt

"Wie kein anderes Stadtquartier in München zeichnet sich die Maxvorstadt durch die enge Verflechtung von Wissensbetrieben und Wohnnutzung aus. Das hat historische Gründe. Nach den Napolionischen Kriegen standen alle europäischen Monarchien unter einem enormen Legitimationsdruck. Das neue Leitbild hieß: Ästhetisierung und Militarisierung der Gesellschaft. Seinen räumlichen Ausdruck fand das in der Anlage eines neuen Stadtteils, der Maxvorstadt. Mit Türkenkaserne, Alter und Neuer Pinakothek, mit Königsplatz, Glyptothek und Ludwigstrasse und einem revolutionären rationalistischen Schachbrettmuster als Straßenraster formulierten Max I. und Ludwig I. eine neue Idee der europäischen Stadt, die 1850 monolithisch in der realen Landschaft stand und geistesgeschichtlich (allenfalls vergleichbar mit den Bauten und Stadträumen Schinkels in Berlin) bisher in Süddeutschland Ungesehenes darstellte. Ein offenes, ein weites Feld, ein grosser Entwurf in die Zukunft entstand, den der König angestossen hatte, ohne ihm eine endgültige Form geben zu können. Eine "Baukastenstadt" war geboren. Einzelne Monolithe standen "tragisch" da und wirkten wie Relikte aus einer anderen Zeit: Die Neue Pinakothek sah trotzig so aus wie eine Kaserne - der gebaute Widerspruch zum offenen System. In dem offenen, weiten Straßenraster entwickelte sich großzügig die neue Baukastenstadt: Die Königlich-Technische Hochschule, die Ludwig-Maximilians-Universität und die Akademie der Bildenden Künste wurden angesiedelt. Fachhochschule, Bayerischer Rundfunk, SiemensForum, Pinakothek der Moderne kamen im 20. und 21. Jahrhundert dazu - Bauten, die heute von der ungebrochenen Attraktivität des Stadtteils als Ort der Wissenschaft und der Kreativität zeugen.

Die Wissensgesellschaft heute fordert uns heraus. Die Maxvorstadt war vor 170 Jahren eine Antwort auf die damaligen Fragen. Welche Antworten müssen wir geben? Ich wünschte mir, dass das QFM eine Ahnung davon geben möge, in welche Richtung wir denken müssen, um angemessene Antworten in der Zukunft finden zu können."

Ablauf des Quartiersforums

Wir haben mit der Alltagssituation im Quartier begonnen und über visionäre Ideen hin zu ersten konkreten Schritten gedacht, mit denen ein Weg zur Verwirklichung der Utopie beschritten werden kann. Wir haben vom Einfachen zum Komplizierten, vom Gegenwärtigen zum Utopischen, vom Vertrauten zum Fremdartigen, vom Gewohnten zum Phantastischen und wieder zurück gedacht. Dabei wurden die Diskussionen in allen Arbeitsgruppen auf sehr hohem kenntnisreichen Niveau geführt.

Meine Mitarbeit in den Arbeitsgruppen

Ich arbeitete während der Visionsphase in der Arbeitsgruppe Wissen und Kreativität mit. Das Motto hieß: "Kreativ leben - spontan, miteinander, konstruktiv, jeden Tag." Sieben TeilnehmerInnen versuchten, zunächst den Begriff Kreativität zu definieren. Wir kamen nach einer etwas zähen Diskussion zu dem Ergebnis, dass jeder einen anderen Begriff davon hat, und entschlossen uns, die Präsentation unserer Arbeitsgruppenergebnisse in Form von individuellen Rollenspielen im Plenum vorzuführen unter der Überschrift: Kreativ meinen Alltag in dreißig Jahren bewältigen. Ein Strassenkünstler verwandelt ein Stück Papier in eine aufregend gestaltete Modelllandschaft und lädt Passanten zum Mitmachen ein, ein Rentner sucht die drei Zentren in der Maxvorstadt auf, in denen er den "Kreativlingen" bei der Arbeit zuschauen kann, eine Kunstinteressierte läßt sich von Künstlern in deren Ateliers zu eigenem Tun anregen, ein junger Student arbeitet zusammen mit einem erfahrenen Pädagogen in der städtischen "Infobox für Kultur und Kreativität" an seinem persönlichen Lern- und Kreativitätsprofil. Entgegen unserem etwas mühsamen Diskussionsprozess gestaltete sich die Präsentation vor dem Plenum leicht und locker und auch sehr lustig. Jede und jeder fand seine Rolle. Man hatte mich gebeten, die einzelnen Rollen in ihrem Tun als Reporter zu begleiten und zu befragen.

In der Konkretisierungsphase schloss ich mich der Gruppe an, die realistische Schritte in ein "kreatives Zeitalter" einleiten sollte. Diese Gruppe setzte sich zusammen aus einer Landschaftsarchitektin, einem Architekten, einer Vertreterin des Bezirksausschusses, einer Medienberaterin, einer Bewohnerin und mir. Wir entschlossen uns, die Idee eines mobilen Glascontainers aufzunehmen und zu diskutieren. Mit sehr konkreten und kreativen Nutzungsvorstellungen und Zeitplänen haben wir das Projekt dann im Plenum vorgestellt. Der mobile Glascontainer kann als Metapher dienen: Es geht in einer mobilen Gesellschaft darum, das virtuelle Wissen an einem Punkt auf Zeit zusammenzufassen und sichtbar zu machen. Diese Punkte auf Zeit sollen an Brenn- und Interessenpunkten in der Stadt installiert werden und die Möglichkeit geben, sich vor Ort mit dem Ort, aber auch mit weiteren Themen zu beschäftigen. Es geht um eine flexible Antwort in einem sich ständig verändernden öffentlichen Raum mit den Mitteln einer flexiblen Architektur. Der mobile Glascontainer ist damit der Antipode starrer grosser unflexibler Museumsbauten, die nur mit einem hohen Kostenaufwand betreut werden können. Ein solcher mobiler Glascontainer kann schnell auf Bedürfnisse reagieren und auch Defizite ausgleichen. Z. B. wäre es an der Zeit, dass die TU München ihre Geschichte und ihre Zukunft der Öffentlichkeit präsentiert. Dies könnte für ein halbes Jahr in einem solchen Glascontainer auf dem Königsplatz geschehen. Auch die Geschichte der Maxvorstadt wäre ein solches Thema. Diese Arbeitsgruppe hatte soviel Spaß an dem Thema, dass sie sich zur Weiterarbeit verabredet hat.

Plenumspräsentationen

Ich war beeindruckt von der Weite und von der Komplexität der vorgetragenen Themen: Globalisierung und örtliche Demokratie, experimenteller Wohnungsbau und experimentelle Wohnformen, Verortung von Wissens und Kreativität in neuen mobilen Strukturen, neue Formen der Freiraumgestaltung (mobile öffentliche Gärten), Durchlässigkeit der Quartierhöfe, neue Einkaufs- und Dienstleisungsstrukturen - um nur einige zu nennen. Die gesamte Breite der Quartiersprobleme war Thema und zeigte, wie aufgeweckt die anwesenden Bürgerinnen und Bürger in der Maxvorstadt ihre Probleme erkennen und zu lösen bereit sind. Hier zeigt sich die langjährige Arbeit eines selbstbewußten und kompetenten Bezirksausschusses, der neben der Alltags- auch Überzeugungsarbeit geleistet hat. Ich bin sehr froh, dass an dem QFM neben dem Bezirksausschußvorsitzenden auch sieben Bezirksausschussmitgleider teilgenommen haben. Es wurde mehrfach der Wunsch geäußert, ein solches Quartiersforum zu einer traditionellen Veranstaltung in Zukunft auszubauen.

Mein Abschlußstatement

"Das zweite Quartiersforum wird im Herbst stattfinden. Dann sollen auch "Gegenentwürfe" vorgetragen werden: Es soll auch über Zukünfte gesprochen werden, die nicht rosig aussehen. Ich stelle mir eine eintägiges Colloquium mit Experten vor, an dem interessierte Bürgerinnen und Bürger teilnehmen sollen. Die Arbeitsergebnisse der verschiedenen Arbeitsgruppen könnten am Abend zusammengetragen und in einer öffentlichen Podiumsdiskussion beurteilt und behandelt werden."

Wie gewinne ich Erkenntnisse?

Der Prozess der Erkenntnisgewinnung, wie er für mich bei diesem QFM abgelaufen ist, kann ich am besten mit einem Bild veranschaulichen: Zukunft ist wie ein grosser Watte- oder Wollhaufen. Wir spinnen allmählich daraus einen Faden, der einmal dicker, einmal dünner ist, manchmal fester, manchmal lockerer. Aber es ist ein Faden, aus dem wir ein Netz knüpfen oder ein Tuch weben können. So wird aus Diffusem etwas höchst Praktisches, mit dem wir Notweniges verrichten können. Der Prozess heißt "future in the making". Wir haben im Quartier Maxvorstadt viele Menschen für diesen Prozess des Fadenspinnens interessieren können und wir haben Sympathie für diese Zukunftsidee gewonnen. Wenn es uns auch als Wissenschaftler gelingt, aus dem diffusen Gebilde Zukunft in München 2030 einige realistische Fäden in unsere Gegenwart zu spinnen, dann haben wir unseren Auftrag zufriedenstellend erfüllt. Die Quartiersforen haben uns den Weg dahin in vielfältiger und vielschichtiger Weise vorgemacht.

Das Quartiersforum und die Konferenz für Sicherheitspolitik

München war voller Polizisten und Demonstranten, während wir unser Quartiersforum durchführten. Die "Konferenz für Sicherheitspolitik" tagte im Bayerischen Hof drei Kilometer von unserem Standort entfernt. Der Oberbürgermeister hatte ein allgemeines Demonstrationsverbot für die Stadt erlassen, das die polizeilichen Einsatzkräfte durchzusetzen versuchten. Einer unserer Teilnehmer versuchte mehrfach am Freitag und Samstag per Handy Kontakt zu seinem Sohn aufzunehmen. Er wähnte ihn unter den Demonstranten. Der Kontakt kam während der zwei Tage nicht zustande. Am übernächsten Tag, Montag, den 5.2.2002, lese ich in der Süddeutschen Zeitung Worte von US-Senator John McCain von der Konferenz : "Vielleicht sollten die Deutschen mehr Geld ausgeben, um uns in einem High-Tech-Krieg helfen zu können, wie er im 21. Jahrhundert geführt wird." Die Polizei lobt die Taktik des schnellen und effektiven Zugriffs. München sei dadurch vor "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" bewahrt worden. Der Teilnehmer am Quartiersforum bestätigte mir, dass sein Sohn, der im April sein Abitur machen wird, am Freitag und Samstag zusammen mit 746 "überwiegend jungen Menschen" in "Gewahrsamnahme" genommen wurde. Während wir über urbane Demokratie- und Solidaritätsformen nachdachten, prallte eine ganz andere Welt mitten unter uns dagegen.

Mit großer Sorge beobachte ich, dass sich die Weltgemeinschaft erneut auf einem Weg der zunehmenden Militarisierung befindet. Das Motto unserer Väter "Nie wieder Krieg!" nimmt sich dabei wie eine Marotte aus. Am 30.1.2002, zwei Tage vor diesem Quartiersforum habe ich meinen Vater, der 87 Jahre alt geworden war, beerdigt. Eine Warnergeneration verläßt allmählich die Lebensbühne, während 747 überwiegend junge Menschen erfahren, dass eine "Konferenz für Sicherheitspolitik" sie in der Wahrnehmung ihrer bürgerlichen Rechte, aktiv und vor Ort zum Frieden mahnen zu können, behindert.

Einige Wochen später äußert sich der Münchner Oberbürgermeister zu dem Demonstrationsverbot folgendermaßen: "...Nachträglich läßt sich immer leicht sagen, man hätte großzügiger verfahren oder strenger durchgreifen müssen. Die städtischen Stellen mußten aber Tage vor dem Wochenende eine Entscheidung treffen! Ich bitte Sie herzlich, sich in diese Entscheidungssitzuation zu versetzen. Vielleicht werden Sie dann mehr Verständnis für die getroffene Entscheidung finden, auch wenn selbverständlich bei einer Grundrechtseinschränkung Unbehagen bleibt....Abschließend darf ich Ihnen mitteilen, was ich beim Empfang für die Konferenzteilnehmer den Ministern, Militärs und Parlamentariern in Stammbuch geschrieben habe: Ich wünsche Ihrer Konferenz einen guten Verlauf, vor allem neue Erkenntnisse, wie durch rechtzeitige politische Lösungen Gewaltanwendung vermieden werden kann. Bitte widerlegen Sie die Befürchtung, dass nach dem Ende des Kalten Krieges und des Gelichgewichts des Schreckens militärische Operationen wieder als Fortsetzung der Politik betrachtet werden. Die Städte und ihre Menschen leiden am meisten unter kriegerischen Auseinandersetzungen. Deshalb kann ich hier - als einziger Vertreter der Städte dieses Treffens - nur den Wunsch äußern, den Frieden zu bewahren und wo erforderlich wieder herzustellen und keinesfalls die Bereiche militärischer Gewaltanwendung auf weitere Länder und Regionen auszuweiten!..."1)

Ich bin überzeugt, dass Städte nicht um Frieden bitten müssen; sie müssen ihn fordern! Wie sollen sie sonst glaubwürdig weiterhin ihre Solitaritäts- und Kooperationsappelle an die eigenen Bevölkerung begründen? Städte sind mehr denn je in Zukunft auf sozialen Frieden angewiesen. Wo sonst als in Städten kann friedliche Sozialisation eingeübt werden? Die "große Politik" hat hier die Pflicht, Vorbild zu sein.

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Christian Ude, Brief vom 26.2.02 an einen Teilnehmer des Quartiersforums, der Brief liegt als Kopie dem Autor dieses Beitrages vor.
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Der Autor, Dr. Andreas Romero, ist im Rahmen des Forschungsvorhabens "Stadt 2030 - München" Projektleiter des Zukunftsfelds "Wissen und Kreativität".

München, am 4.3.02


 
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