1. Expertengespräch
Region München 2030
am Dienstag, 09. April 2002
beim Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum München
Protokoll
(als gedruckte Version können Sie sie per
eMail bestellen)
1 Anlass
Das Bundesministerium für Forschung und Bildung schrieb
vor zwei Jahren einen Wettbewerb zum Thema "Zukunft Stadt
2030" aus. Beabsichtigt war, die langfristigen Zielvorstellungen
für die Entwicklung der Städte auszuarbeiten. Die
Landeshauptstadt München wurde für den Wettbewerb
zugelassen und aufgefordert, ihre Forschungskonzeption auszuarbeiten.
Die Forschungskonzeption wurde von der Stadtverwaltung München
zusammen mit drei Instituten ausgearbeitet. Dabei war von
vornherein klar, dass die Zielsetzung des Forschungsprojektes
nur angemessen erreicht werden kann, wenn eine Betrachtung
der regionalen Zusammenhänge erfolgt. Einerseits
muss zur Kenntnis genommen werden, welche Visionen und Handlungsmöglichkeiten
auf regionaler Ebene gesehen werden, andererseits muss geprüft
werden, ob die im Forschungsprojekt entwickelten Leitbilder
auch im regionalen Kontext tragfähig sind. Insofern hat
der Workshop im Rahmen des Forschungsprojektes einen hohen
Stellenwert.
Das Expertengespräch beabsichtigte, die langfristigen
Entwicklungstrends in der Region München bis zum
Jahr 2030 unter besonderer Berücksichtigung der Leitthemen
(Segregation und Integration, Kommunikation und Mobilität,
Wissen und Kreativität) und der daraus abzuleitenden
Handlungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten zu diskutieren.

Teilnehmer des Gesprächs:
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Frau Dr. Brigitte Adam, Bundesamt für Bauwesen
und Raumordnung (BBR)
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Herr Direktor Erich Blume, Arbeitsamt München
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Herr Christian Breu, Regionaler Planungsverband
München (RPV)/ Planunungsverband Äußerer
Wirtschaftsraum München (PV)
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Herr Bürgermeister Helmut Dworzak, Gemeinde
Haar
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Herrn Dr. Robert W. Obermeier, IHK für
München und Oberbayern
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Herr Prof. Dr. Axel Priebs, Region Hannover
und Universität Kiel
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Herr Stephan Reiß-Schmidt, Planungsreferat
Landeshauptstadt München
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Herr Erwin Rumpel, DGB Region München
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Frau Christiane Thalgott, Stadtbaurätin
Landeshauptstadt München
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Herr Dr. Werner Weins, Sozialreferat Landeshauptstadt
München
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Herr Bürgermeister Rolf Zeitler, Stadt
Unterschleißheim
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Die Moderation des Gesprächs lag bei Herrn Dr. Detlev
Sträter, Institut für Medienforschung und Urbanistik
(IMU), München.
Im ersten Teil der Gesprächsrunde ging es um die Analyse
der gegenwärtigen Situation und die Rahmenbedingungen
sowie die Abschätzung der zu erwartenden Entwicklungstrends.
Der Moderator schickte folgende Fragen der Diskussion voraus,
die in dem Forschungsprojekt unter dem Generalthema Autonomie
und Integration bearbeitet werden sollen:
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a
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Wie entwickelt sich das Verhältnis der Bürger
zur Stadt?
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b
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Lässt sich wirtschaftlicher Erfolg mit solidarischer
Stadtgesellschaft vereinbaren?
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c
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Wie können die kulturellen Kompetenzen nachhaltig
erhalten und gesichert werden?
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d
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Wie lassen sich Optionen für unangepasste Innovationen
offen halten?
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e
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Wie können Kreativitätsgeneratoren erkannt
und unterstützt werden?
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Das Ziel des Forschungsprojektes ist die Erarbeitung einer
Leitvision, die zur Orientierung für aktuelle
politische Entscheidungen und Planungen dienen soll. Dies
soll in einem Münchner Zukunftsdialog mit den
gesellschaftlichen Akteuren erfolgen. Die Leitvision soll
aus Szenarien der möglichen Zukunftsentwicklung abgeleitet
werden. Die Szenarien könnten lauten
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"Wirtschaftliche und soziale Polarisierung in
der Boomtown Ellenbogenhausen"
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"Wirtschaftliche Rezession fördert die Gemeinschaftsfähigkeit"
und
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"Integration, verstanden als zivilisierte Gleichgültigkeit".
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·Im zweiten Teil der Gesprächsrunde wurde die
Frage diskutiert, ob die bestehenden regionalen Institutionen
den Zukunftsproblemen gewachsen sind und welche Organisationsveränderungen
ggfs. angestrebt werden sollten.

2 Die Region München im Vergleich
mit anderen Ballungsräumen
Es wird als ein Vorteil der Region München gesehen,
dass sie einen bedeutenden und bekannten Kristallisationskern
hat, der die Identifikation aller Bürger mit der Region
erleichtert. Im Konkurrenzkampf der Regionen ist dies ein
großer Vorteil. Deshalb wird die Kernstadt auch
in Zukunft von den Umlandgemeinden mit getragen werden müssen
- und umgekehrt.
Die Region München ist allerdings durch Überlastungstendenzen,
z.B. hohe Mieten und Lebenshaltungskosten gekennzeichnet,
die viele Menschen davon abhält, nach München zu
ziehen bzw. abwandern lässt. Die Strukturen in der Gesamtregion
führen dazu, dass es immer schwieriger wird, familiengerechten
und bezahlbaren Wohnraum zu finden. Ausländische Zuwanderer
gehen in der Regel zunächst in die Kernstadt, so dass
diese besondere Integrationsleistungen erbringen muss. Eine
andere Schattenseite des Wachstums sind zunehmende Obdachlosigkeitsprobleme
in einer polarisierten Gesellschaft.
Es wird damit gerechnet, dass der in allen Industrieländern
zu beobachtende Trend zur Bevölkerungsabnahme
auch für den Raum München zutrifft, die Region München
aber geringer als andere davon betroffen sein wird. Deshalb
wird München relativ "jünger" bleiben.
Ähnlich wurde die Entwicklung der Zahl der Erwerbstätigen
eingeschätzt. In Deutschland soll bis 2030 die Anzahl
der Erwerbstätigen von heute 42 Mio auf 29 Mio zurückgehen.
München wird sich dieser Entwicklung nicht entziehen
können, aber wahrscheinlich weniger betroffen sein. Die
aktuelle Steigerung der Erwerbstätigenzahl soll bis 2010
noch anhalten.
Die Region München hat insgesamt Probleme, die sich
aus dem starken ökonomischen Wachstum ergeben und zu
sozialen und demographischen Strukturveränderungen führen.

3 Erwartungen zur weiteren wirtschaftlichen
Entwicklung der Region
Alle Teilnehmer der Gesprächsrunde erwarten eine gleichbleibend
hohe Attraktivität der Region München auch in
Zukunft. Aus heutiger Sicht erscheint es als unwahrscheinlich,
dass der wirtschaftliche Erfolg der prosperierenden Gesamtregion
abnehmen wird. Wenn sich aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen
ändern sollten, wird dies auch Einfluss auf die Region
München haben, allerdings etwas schwächer als in
anderen Regionen. Dazu tragen die regionalen Infrastruktureinrichtungen
bei, wie Flughafen und Messe und die Cluster in zukunftsfähigen
Industrien (z.B. Elektronik) und Dienstleistungsbereichen
(z.B. Medien), der günstige Branchenmix und die Forschungsschwerpunkte
(z.B. Biotechnologie).
Es wurden auch Stimmen gegen den Zukunftsoptimismus
laut. Bisher war München der Gewinner des Nord-Süd-Gefälles
und seit einigen Jahren des Ost-West-Gefälles. Es wurden
Zweifel geäußert, ob das so weiter gehen wird und
die Frage gestellt, ob die bestehenden Organisationsformen
der überörtlichen Abstimmung auch für die Zukunft
ausreichen.
Priorität hat die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen.
Wenn es nicht gelingt, Arbeitsplätze im Biotechnologiebereich
zu fördern, auch wenn dafür im Einzelfall Bannwald
geopfert werden muss, wird die Region von der Entwicklung
abgehängt.
Ein Risiko wird im Bedeutungsrückgang des
Produktionsstandortes Region München bis zum Jahr
2030 gesehen. Das hätte negative Rückwirkungen
auf den Dienstleistungsbereich. Deshalb ist es dringend
erforderlich, dass die Region zumindest ein Standort für
Pilotfunktionen, für Forschung und Entwicklung sowie
die Produktion von Nullserien bleibt.

4 Verhältnis von Stadt und
Umland
Die meisten Menschen bewegen sich regional, da sich ihre
Wohnungen, ihre Arbeitsplätze und ihre Freizeitorte an
verschiedenen Orten befinden. Viele Bürger der Umlandgemeinden
fühlen sich als Münchner. Schließlich sind
sie mit der S-Bahn in kurzer Zeit am Marienplatz.
Stadt und Umland profitieren voneinander. Für
die Kernstadt ist es von Vorteil, dass das Umland Flächen
für Betriebe zur Verfügung stellt, die sich in der
Kernstadt nicht erweitern können. Das Umland hat bisher
mit dazu beigetragen, dass München geblieben ist, was
es ist. Die Kernstadt profitiert auch imagemäßig
von den landschaftlichen Qualitäten des Umlandes. Umgekehrt
lebt das Umland von der Kernstadt. Denn die Attraktivität
und das Image der Region werden in der Regel durch Merkmale
aus der Kernstadt geprägt.
Kernstadt und Umland sollten sich künftig jeweils
als Teil der Region begreifen - dies wäre die
Vision. Darauf aufbauend müssten Kriterien und Regeln
eines gerechten Vorteils- und Lastenausgleichs etwa zwischen
"Arbeitsplatzgemeinden", "Wohngemeinden"/
" Freizeitge-meinden" entwickelt werden, die das
Gleichgewicht gemeindegrenzüberschreitend sichern.
Dazu werden u.U. neue gesetzliche Vorgaben und Organisationsformen
gebraucht; vieles lässt sich aber schon heute z.B. mit
dem Instrument des landesplanerischen Vertrages oder durch
andere Formen öffentlich-rechtlicher Vereinbarungen umsetzen,
wenn es politisch gewollt ist.
Es zeigten sich in der Diskussion Vorurteile zwischen
Kernstadt und Umland:
Die sozialen Probleme konzentrierten sich in der Kernstadt,
das Umland leiste keinen Beitrag beim Bau von Sozialwohnungen.
Dies mag in Einzelfällen richtig sein. Tatsächlich
unterscheiden sich aber viele Gemeinden hinsichtlich der sozialen
Probleme überhaupt nicht mehr von Stadtbezirken in München.
5 Entwicklungstrends in einzelnen Problembereichen
5.1 Siedlungsstruktur und Infrastruktur
Es wird erwartet, dass sich im Jahr 2030 die Siedlungsstruktur
nicht wesentlich von der gegenwärtigen Situation unterscheiden
wird. Die Dispersion werde weiter zunehmen, aber die Wertschätzung
für das Wohnen an Orten mit guter Erreichbarkeit mit
dem ÖPNV und gutem infrastrukturellen Versorgungsangebot
und Bildungs-, Kultur- und Kommunikationseinrich-tungen zunehmen.
Deshalb werde sich die Konzentration auf zentrale Orte
fortsetzen. Prozentual werden die kleinen Orte stark wachsen,
absolut aber weniger als die zentralen Orte.
In den Mittel- und Unterzentren müsse künftig eine
urbane Qualitätsverbesserung stattfinden, um zu
verhindern, dass sich wachsende Ungleichgewichte zwischen
den einzelnen Gemeinden in sozialer und städtebaulicher
Hinsicht herausbildeten. Viele Gemeinden seien monostrukturiert,
so dass sie gefährdet sind, zu Verlierern der regionalen
Entwicklung zu werden. Durch weitere Infrastruktureinrichtungen
könne die Identifikation mit dem Ort erhöht
und durch eine Nachurbanisierung der Verkehr vermindert werden.
Ein kritischer Punkt seien die Einkaufsmöglichkeiten
vor Ort in den Umlandgemeinden. Einerseits seien die Einkaufsmöglichkeiten
ein wesentlicher Baustein für die urbane Qualität
der Ortskerne, andererseits werde es immer schwieriger, Einzelhandelsgeschäfte
zu halten, weil der Konkurrenzdruck von großen, überregional
wirksamen Einkaufszentren zum Teil auf der "grünen
Wiese", die mit großem Angebot eine hohe Attraktivität
haben, zunehme. Die Gemeinden müssten deshalb große
Anstrengungen unternehmen, die kleinen Läden zu erhalten.
Es wird eine weitere Suburbanisierung des Stadt- und Umlandbereiches
angenommen. Es sei mittlerweile auch in den stadtnahen Umlandgemeinden
feststellbar, dass jährlich viele junge Familien in stadtfernere
Gemeinden ziehen, weil sie dort noch billigere Grundstücke
für ein Einfamilienhaus finden.
5.2 Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV)
Die vielfältigen Lebensstile, die flexiblen Arbeitszeiten,
die veränderten Arbeitsbedingungen das Freizeitverhalten
außerhalb des Wohnstandortes und andere Tendenzen stellten
steigende Anforderungen an den ÖPNV. Es werde
deshalb schwieriger, einen leistungsfähigen ÖPNV
in der ganzen Fläche der Region vorzuhalten.
Eine weitere Anforderung an den ÖPNV ergebe sich aus
der zunehmenden Überalterung der Bevölkerung. Die
sinkende Mobilität eines größeren Bevölkerungsteiles
müsse dann auch durch ein verbessertes Angebot an Massenverkehrsmitteln
ausgeglichen werden.
5.3 Soziale Integration
Eine wesentliche Zukunftsaufgabe in der Region München
sei die soziale Integration der ausländischen Zuwanderer
auf der kommunalen Ebene, mit deren Zustrom weiterhin gerechnet
werde. Die Gemeinden müssten sich darum kümmern,
dass die Ausländer die deutsche Sprache erlernten,
sich beruflich fortbildeten, ihre Kinder ausgebildet würden
und sie insgesamt kulturell integriert würden.
Die weitere Prosperität der Region werde auch vom Gelingen
dieser Aufgabe abhängen.
Allerdings reiche die finanzielle Ausstattung der Gemeinden
für diese Aufgabe nicht aus. Viele notwendigen Qualitätsverbesserungen
wie z.B. im Kindergartenbereich könnten die Gemeinden
nicht aus eigener Kraft leisten. Die entsprechenden Rahmenbedingungen
müssten verbessert werden.
Im Hinblick auf die zunehmende Zahl von älteren Menschen
wurde gefordert, Konzepte zu entwickeln, wie die Kreativität
und das Wissen der älteren Menschen genutzt werden
könnten. Es müsste das Potenzial für freiwilliges
soziales Engagement geweckt werden. Informationssysteme im
Internet und Platzangebote für altenbezogene Betätigungen
wären erforderlich. Hier eröffnet sich ein großes
Feld für gemeinsame überörtliche Aktivitäten.
Die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt führten
dazu, dass immer mehr Menschen mehrere Jobs übernehmen
müssten, um ein Auskommen zu haben. Daraus ergäben
sich komplexe Beziehungsgeflechte und Netzwerke, weil die
Menschen mehrere Arbeitsorte hätten und zum Teil auch
zu Hause arbeiteten.
5.4 Bildung und Wissenschaft
Die Universitätsauslagerungen ins Umland (Garching,
Oberschleißheim, Martinsried, Freising) seien keine
Suburbanisierung im Sinne einer ungesteuerten Entwicklung.
Es sei eine sinnvolle Konzentration von wissenschaftlichen
Einrichtungen zustande gekommen. Die Verantwortung für
die Attraktivität der wissenschaftlichen Standorte liege
nicht bei der Stadt, auch nicht bei der Region, sondern beim
Freistaat bzw. bei den Universitäten selbst.
Es wurde kritisiert, dass den wissenschaftlichen Einrichtungen
im Umland urbane Qualität fehle. Das erschwere
die Anwerbung von ausländischen Wissenschaftlern.
Ein wichtiges Arbeitskraftreservoir wird in den ausländischen
Studenten gesehen. Es wurde die Frage gestellt, wie erreicht
werden könne, dass mehr ausländische Studenten
nach München kommen. Ein Handicap seien fehlende
Wohnungen und sonstige Infrastruktureinrichtungen für
Studenten. Um die Region München mit den angelsächsischen
Ländern konkurrenzfähig zu machen, müsste nicht
nur die Kernstadt, sondern die gesamte Region aktiv werden.
Andere Regionen würden in diesem Bereich schon zusammenarbeiten.
Es wäre durchaus vorstellbar, dass in den Regionsgemeinden
auch Studentenwohnheime gebaut werden. Aber wollen
Studenten, die in Garching oder in der Münchner Innenstadt
studieren, z.B. in Haar wohnen?

6 Organisationsmodelle für
die Region
Im ersten Teil der Diskussion wurde immer wieder die Frage
gestreift, ob eine neue regionalpolitische Instanz
erforderlich sei, um die Zukunftsprobleme bewältigen
zu können. Es überwogen bei den Vertretern der Politik
die Zweifel an der Sinnhaftigkeit einer Veränderung der
bestehenden Institutionen.
Die Diskussion bekam durch ein Kurzreferat von Herrn Prof.
Priebs nach der Mittagspause über das Regionsmodell
von Hannover neue Impulse.
6.1 Gründe für die Notwendigkeit von neuen/ gestärkten
regionalen Instanzen
Viele Probleme lassen sich nur noch regional bewältigen
(z.B. Wirtschaftsförderung, Flächenmanagement, Abfallwirtschaft,
Nahverkehrssystem u.a.), da die kommunalen Selbstverwaltungen
überfordert sind. Deshalb wäre häufig eine
regionalpolitische Entscheidungsebene sinnvoll.
Die Münchner Region ist durchaus fähig, bei kritischen
Fragen einen theoretischen Konsens zu erreichen, aber es fehlen
die praktischen Durch- und Umsetzungsmöglichkeiten. Es
wurde beklagt, dass sich die Landesplanung zu stark in regionale
Angelegenheiten einschaltet. Manchmal würden die regionalen
Entscheidungen nicht von der Staatsregierung akzeptiert werden.
Deshalb sei eine Neuordnung der kommunalen, regionalen
und staatlichen Kompetenzen anzustreben.
In London und Kopenhagen wurde die Erfahrung gemacht, dass
der Rückbau von regionalpolitischen Instanzen zu einem
Übergewicht des Staates geführt hatte. Deshalb wurden
dort in den letzten Jahren die gesetzlichen Voraussetzungen
zum Wiederaufbau von regionspolitischen Institutionen geschaffen.
Eine politisch verfasste Region führt zu größerer
demokratischer Legitimation der regionalen Entscheidungen.
Die regionalen Aufgaben sind gegenwärtig in vielen nebeneinander
arbeitenden Einrichtungen - Planungsverbände, Regierungsbezirke,
Landschaftsverbände - (über-)organisiert. Das führt
zu Intransparenz und Abstimmungsschwierigkeiten.
Die Regionen müssen sich effizient organisieren, um
im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig zu bleiben. Andere
Regionen würden koordinierte Aktionen durchführen,
um ihre Standortgunst zu verbessern. Es wurde auf Frankfurt
hingewiesen, wo Probleme gesehen werden, Leute aus dem Ausland
zum Zuzug zu bewegen, weil die weichen Standortfaktoren ungünstig
seien. Wenn auch momentan der Leidensdruck in München
noch nicht so hoch sei, müsse aber schon jetzt mit der
Standortstärkung durch bessere innerregionale Kooperation
begonnen werden.
Viele Gemeinden profitierten vom gesamtregionalen Wachstum,
andere seien aufgrund ihrer Strukturschwäche davon ausgeschlossen.
Es sei deshalb ein innerregionaler Vorteils-/ Lastenausgleich
erforderlich, der zweckmäßigerweise in demokratischer
Willensbildung auf der Ebene der Region institutionalisiert
werden sollte.
Allerdings gebe es noch keine Modelle, wie der Vorteils-
und Lastenausgleich in der Region hergestellt werden könne.
Als möglicher Ansatzpunkt wurde auf ein Modellprojekt
in der Region Bonn/ Rhein-Sieg hingewiesen, in dem die Wohnungsbaufördermittel
für die Region im Einvernehmen mit den regionalen Akteuren
so verteilt werden, dass nur die Gemeinden Mittel erhalten,
die am Konzept eines regionalen Vorteils- und Lastenausgleichs
mitarbeiten (= goldener Zügel).
Für die Ansiedlung und Verlagerung von Betrieben sei
ein verbessertes Informationssystem (SISBY bei IHK bereits
vorhanden) mit den verfügbaren Gewerbegrundstücken
in der Region erforderlich sowie die Entwicklung eines regionalen
Flächenmanagements einschließlich eines (finanziellen)
Vorteils- und Lastenausgleichs.
Bei Planung des Nahverkehrssystems zeige sich immer wieder,
dass die politischen Entscheidungsinstitutionen nicht mit
den räumlichen Strukturen übereinstimmten.
Zwischen Kernstadt und Umland gäbe es nach wie vor objektive
Interessengegensätze, aber auch wechselseitige Vorurteile,
obwohl sie nicht mehr mit der Realität übereinstimmten.
In regionalpolitischen Entscheidungsgremien, in denen ein
regionaler Konsens gefunden werden muss, könnten
die Vorurteile leichter überwunden und ein tragfähiger
Interessenausgleich gefunden werden.
Funktionsfähige und regionale Strukturen seien
die beste Versicherung gegen Eingemeindung. Dadurch
könnte die Vielfalt kommunaler Identitäten erhalten
werden.
Von Vertretern der Wissenschaft wurde betont, dass der Aufbau
von regionalpolitischen Instanzen vom parallelen Aufbau eines
regionalen Bewusstseins unterstützt werden müsste.
Der Alltag der Menschen sei zwar regional geprägt, aber
im Bewusstsein sei die Region oft nicht vorhanden.
6.2 Bewertung der vorhandenen Institutionen
Nach Darlegung der vielfältigen Gründe, die für
eine politisch legitimierte Region sprechen, plädierten
die Vertreter der Politik dennoch für eine Beibehaltung
des organisatorischen Status quo der Verbandslösung.
Der Erfolg der Region München sei auch ein Beweis für
den Erfolg der bisherigen Organisationsform. Es wurde die
Überzeugung geäußert, dass eine politisch
legitimierte Region als Gebietskörperschaft keine Chancen
habe, die Entwicklung besser zu steuern. Es entstünde
ein "Verwaltungsmoloch" für 2,5 Mio. Menschen.
Die bestehenden regionalen Institutionen seien im Rahmen
ihrer Handlungsmöglichkeiten effizient und wiesen eine
hoch entwickelte Gesprächskultur auf, die die
Suche nach tragfähigen Lösungen für die regionalen
Probleme ermögliche. In der Vergangenheit seien viele
freiwillige Vereinbarungen mit faktischen Verbesserungen für
die Bürger getroffen worden (z.B. Erholungsflächenverein,
Dachauer Moosverein). Es wurde deshalb dafür plädiert,
die auf freiwilliger Zusammenarbeit basierenden Institutionen
behutsam weiter zu entwickeln. Dabei sei die Frage entscheidend,
welche Zukunftsprobleme zu bewältigen seien und ob die
bestehenden Institutionen noch dafür passend seien.
Die freiwilligen Verbände seien relativ flexibel. So
gehe der Planungsverband Äußerer Wirtschaftsraum
im Süden entsprechend den wirtschaftlichen Verhältnissen
über die Planungsregion 14 hinaus. Dadurch könnten
die Kooperationsmöglichkeiten den jeweils anstehenden
Aufgaben angepasst werden.
Auf jeden Fall brauchten die bestehenden Institutionen mehr
Kompetenzen für die Regionalplanung vom Freistaat.
So dürfte z.B. kein Flächennutzungsplan genehmigt
werden, der nicht die Zustimmung des Regionalen Planungsverbandes
habe, oder die Regierung von Oberbayern dürfte bei Raumordnungsverfahren
nicht gegen das Votum der Regionalplanung entscheiden. Als
Beispiele aus jüngster Zeit ist hier auf Standortfragen
für großflächigen Einzelhandel, insbesondere
mit zentrenrelevanten Sortimenten, sowie auf die zu wenig
konsequente Umsetzung des Harmonisierungsgebotes (gleichgewichtige
Entwicklung von Bauland für Arbeitsplätze und Wohnungen)
hinzuweisen.
6.3 Übertragbarkeit alternativer Modelle auf München
Man war sich einig, dass das Hannoveraner Regionsmodell nicht
einfach auf München übertragen werden könne,
denn es sei aus spezifischen historischen und politischen
Bedingungen hervorgegangen, die nicht für München
zutreffen. Außerdem sei die Region München mehr
als doppelt so groß wie die Region Hannover. Die Probleme
in einer so großen Region seien deutlich anders. Es
müssten deshalb regional angepasste Lösungen
für die Region München gefunden werden. Es wurde
mehrfach gefordert, ein etwaiges neues Regionsmodell für
München aus der spezifischen Problemlage in München
abzuleiten. Es gäbe keine Ideallösung.
Eine wesentliche Erfahrung bei dem Hannoveraner Modell sei,
dass die Gemeinden für alle entscheidenden Aufgaben gestärkt
worden seien. Die Bebauungsplanung sei dort nach wie vor bei
den Gemeinden angesiedelt. Die Befürchtung, die Gemeinden
verlören durch regionale Entscheidungsinstitutionen ihre
Planungshoheit, sei deshalb unbegründet. Es sei deshalb
nicht verständlich, dass sich die Gemeinden gegen regionalpolitische
Institutionen stellten. Die Verzögerung beim Aufbau der
politischen Region habe im Fall Hannover eher am Land gelegen.
6.4 Grenzen der Planbarkeit und Steuerung der Regionsentwicklung
Es wurde davor gewarnt, den Gestaltungsspielraum regionaler
politischer Instanzen zu überschätzen. Es wurden
Zweifel geäußert, ob eine politische Organisation
tatsächlich die Einflussmöglichkeit habe, die reale
Entwicklung zu steuern. Das Steuersystem habe wahrscheinlich
in Zukunft noch mehr Einfluss auf die Entwicklung in den Regionen
als politische Überlegungen. Am Beispiel der Entfernungspauschale
zeige sich, wie planerische Maßnahmen zur Verhinderung
von weiterer Suburbanisierung durch Subventionen für
Pendler konterkariert werden.
Am Rande der Diskussion wurde vereinbart, das Gespräch
in Rahmen eines Workshop mit Bürgermeistern und Landräten
aus der Region im Herbst fortzusetzen.

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