Workshop "Stadt 2030 - Integration"
in Stuttgart am 14./15. Februar 2002
Statement zum Thema
Das Modell der "Europäischen Stadt" - Ein
möglicher Lösungsweg für zukünftige Integrationsprobleme?
Europäische Städte weisen Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten
auf. Wenn es um "die" Europäische Stadt
geht, werden i.d.R. Gemeinsamkeiten als Gemeinwesen betont.
Gemeinwesenorientierung hat Ferdinand Tönnies als Grundbedingung
menschlichen Lebens charakterisiert und hat diese auf die
"grundlegenden Verhältnisse wechselseitiger Bejahung"
ihrer Mitglieder zurückgeführt. Norbert Elias betont
darüber hinaus, dass menschliche Gemeinschaften über
längere Zeiträume hin unterschiedliche Kulturen
des Zusammenlebens entwickeln, die maßgeblich auf
ihre spezifische lokale Kommunikation zurück geführt
werden können.
Eine solche auf Inklusion beruhende Gemeinwesenfähigkeit
gilt bei den europäischen Städten in ihrer historischen
Entwicklung wohl nur für Zeiträume ohne Zuwanderung
und ohne tiefere ökonomische Krisen. "Die"
Europäische Stadt muss wohl vom Mittelalter bis heute
als Modell der Exklusion wie Inklusion angesehen werden.
Exklusion war zugleich Ausgrenzung der Fremden durch die schon
Anwesenden und Schutz bietendes Für-sich-sein der Hinzukommenden
- Exklusion also als Voraussetzung der Inklusion.
Exklusion ohne Anpassungsleistung allerdings ist mehrfach
auch - und an mehreren Stellen in Europa - zum Auslöser
von Diskriminierung, Vertreibung und Vernichtung geworden.
Es wäre also leichtfertig, "die" Europäische
Stadt per se als Integrationsmodell zu begreifen. Selbst eine
respektvolle Toleranz beider Seiten, die auf Exklusion und
Inklusion beruht, scheint mit Blick auf die Historie allein
noch keine Garantie der schrittweisen und langfristig unumkehrbaren
Integration zu bieten.
Es bleibt also zu fragen, ob unter den heutigen Bedingungen
der repräsentativen, von Parteien ausgestalteten Demokratie
bzw. unter den Bedingungen weiter zunehmender Individualisierung
und vielleicht auch unter den Bedingungen einer Glokalisiserung
ein besserer Nährboden für die schrittweise und
langfristig unumkehrbare Integration denkbar oder gar zu erwarten
ist. Es scheint, dass die drei genannten Ebenen allein keine
Garantie dazu liefern.
Es bedarf einer zusätzlichen Antriebskraft, die der
Ebene der informellen Gemeinwesenfähigkeit der Mitglieder
eines Gemeinwesens zurechnet, ihrer Kultur der spezifischen
"wechselseitigen Bejahung". Es könnte durchaus
sein, dass die zunehmende Individualisierung solche Wertsetzungen
freiwilliger Gemeinschaftsfähigkeit wieder interessant
und begehrenswert macht. Integrative Stadtkulturen sind aber
wohl ohne eigene Mechanismen entgoltener Gemeinwesenarbeit
nicht denkbar.
Die Europäische Stadt existiert bereits heute nicht
mehr in der Form des abgegrenzten Territoriums. Sie ist eine
stadtregionale Einheit von Stadt und Umland geworden
- den aufrecht erhaltenen Kommunalgrenzen zum Trotz. Die Stadtregion
bietet als Ganze die Chancen und Optionen, die die Individuen
heute nutzen. Man kann sich zugleich der dörflichen Siedlung,
in der man wohnt, dem Zentrum, das der Region den Namen gibt
und dem Kultur- und Landschaftsraum zugehörig fühlen.
Der Gesamtzusammenhang erschafft - zumindest im Raum München
- die Identität. Dies erschwert die Wirksamkeit als Gemeinwesen.
Das Haderner Quartiersforum mit seinen engagierten Teilnehmern
hat eine Idee davon gegeben, dass stadtteil-, gesamtstadt-
und regionsbezogenes Verantwortungsbewusstsein und Engagement
miteinander und gleichzeitig möglich sind.
München, 12.2.2002
Ingrid Krau
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