Workshop "Stadt 2030 - Integration"
in Stuttgart am 14./15. Februar 2002

Statement zum Thema

"Neue" Formen der Ungleichheit und Ausgrenzung und ihre Folgen für die Integrationsfähigkeit der Städte

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Der Münchner Wettbewerbsbeitrag hat sich das Oberthema "Autonomie und Integration" gestellt. Damit soll ein Spannungsfeld benannt werden, innerhalb dessen sich die zukünftige Entwicklung der Stadtgesellschaft im Raum München bewegen könnte. Mit dem Begriff der "Autonomie", der auf die Individualität der Stadtbürger abstellt, sollen auch die zu beobachtenden Prozesse der Individualisierung, der (individuellen) Vereinzelung und der (sozialen, kollektiven) Segregation ins Blickfeld genommen werden. Und mit dem Begriff der Integration sollen die Prozesse angesprochen werden, die auf ein - solidarisches - Miteinander von alt und jung, von unterschiedlich begüterten sozialen Schichten und von Migranten mit der einheimischen Bevölkerung gerichtet sind. Solidarisches Miteinander schliesst ein solidarisches "Nebeneinander" durchaus mit ein. Integration ist nicht als einseitig gerichteter, sondern als ein Prozeß der Gegenseitigkeit zu verstehen, der sowohl Deutsche als auch Nichtdeutsche, Minderheiten wie Mehrheiten betrifft.

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Mit Autonomie und Integration werden bestimmte soziale Entwicklungen nicht von vornherein als negativ oder positiv bewertet. Vielmehr sollen mit Autonomie und Integration die beiden Pole eines Spektrums von z.T. widersprüchlichen, z.T. konvergierenden sozialen Entwicklungen gekennzeichnet werden:

Die bürgerliche Stadtgesellschaft hat - in historischem Sinne - immer den ökonomisch unabhängigen Stadtbürger (den Ci-toyen) als Voraussetzung gehabt. Auch die demokratische Partizipation an der Gestaltung der lokalen Belange setzt die sozialökonomische, kulturelle und intellektuelle Unabhän-gigkeit der Bürger voraus. Autonomie findet ihren Ausdruck auch in einer sich weiter ausfächernden Differenzierung von Lebenslagen, Lebensstilen und Lebensmilieus, mit denen tradierte soziale Schichten- und Rollenzuweisungen - zumindest teilweise und individuell zumindest für einzelne Lebensphasen - überlagert werden. Im weiteren Sinne kann aber auch die Tendenz zur Individualisierung, zur Vereinzelung, zur Auflösung überkommener sozialer Strukturen (Familien, Haushalte, Nachbarschaften, soziale Netze) darunter gefasst werden. Es muss jedoch ein offenes Auge für neue Kommunikationsformen und Zusammenschlüsse impliziert sein.

Auch der Begriff der sozialen Integration ist komplex zu verstehen: Da gibt es das Verständnis vom wechselseitigem Aufeinander-Zugehen verschiedener sozialer Gruppen über die Assimilation etwa von Migrantengruppen an sozial und kulturell dominierende Verhaltensweisen, ist aber auch kompatibel mit autoriäteren gesellschaftspolitischen Gesellschaftsmodelle wie etwa der der "formierten Gesellschaft", die seinerzeit von Beratern des Kanzlers Ludwig Erhard entworfen und von konservativer Seite propagiert wurde..

Zur sozialen Integration gehört auch, Sicherheit und Schutz in einem "engeren Kreis" zu erfahren, was Offenheit "nach außen" eher zu stärken scheint.

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Für den Raum München wird häufig davon ausgegangen, dass die wirtschaftliche Prosperität der Vergangenheit sich auch in der absehbaren Zukunft in ähnlicher Weise fortsetzen wird - wir wollen diese Annahme zugleich aber auch auf ihre Tragfähigkeit hin kritisch hinterfragen. Sollte die Prosperitätshypothese - wie auch immer - plausibel sein, wollen wir danach fragen,

 
  • welche Konsequenzen die wirtschaftlichen Restrukturierungsprozesse, wie sie derzeit unter den Bedingungen der Globalisierung, sprich: Internationalisierung vonstatten gehen, auf die soziodemographischen und sozialökonomischen Strukturen der Stadtgesellschaft im Raum München haben könnten und
 
  • welche Handlungsmöglichkeiten und Handlungsnotwendigkeiten sich daraus ergeben könnten.
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Der soziodemographische Strukturwandel Münchens ist - wie in allen verstädterten Gesellschaften - geprägt durch ein verändertes generatives Verhalten, Veränderungen im Wan-derungsverhalten und im sozialen Zusammenleben (die Beispiele dazu sind bekannt: sinkende Geburtenraten, Bedeu-tungsverlust der Familie, labile soziale Beziehungen, wach-sendes Armutsrisiko durch und von Kindern, Trend zu Klein-haushalten, veränderte Erwerbs- und Armutswanderung, Bildung neuer sozialer Netzwerke etc.).

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Wir halten daran fest: Wenn die Stadt die sozialräumliche Basis des modernen Kapitalismus ist, dann ist die moderne Stadtgesellschaft ihrem Wesen nach antagonistisch.
Dieser Antagonismus drückt sich in vielfältigen Formen sozialer Ungleichheit und Ungleichzeitigkeit in Stadt und Region aus. Unzweifelhaft regeln die wirtschaftlichen und politischen Macht- und Herrschaftsverhältnisse die gesellschaftliche Verteilung ökonomischer, sozialer und kultureller Ressourcen und erzeugen erhebliche Unterschiede in den Lebensverhältnissen und Lebenschancen.

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Die traditionellen Vorstellungen von sozialer Ungleichheit werden in primär vertikalen, hierarchisch gegliederten sozialen Klassen- und Schichtenmodellen reflektiert. Doch ge-rade die moderne postfordistische Stadtgesellschaft - und hier kann München als prototypisch gelten - wird zunehmend überformt durch die Bildung unterschiedlicher sozialer Milieus, sozialer Kulturen und Subkulturen, neuer sozialer Netzwerke und die Ausbildung differenzierter Lebensstile. Es bilden sich Vorstellungen von nebeneinander bestehenden unterschiedlichen Lebenslagen, Lebensstilen und Lebensentwürfen. Sie stellen eine primär horizontal gegliederte Vielfalt dar. Da dies auf einem relativ gesicherten Wohlstandsniveau passiert, entsteht der Eindruck, als ob diese Lebensstile und Lebenslagen von ihren Trägern jenseits sozialer Klassen- und Schichtzugehörigkeit ausgeprägt und eingegangen werden könnten.

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Diese Pluralisierung der Lebensstile und Lebenslagen betrifft nicht alle sozialen Schichten in gleicher Weise. Vor allem sind es die ökonomisch potenteren und sozial unabhängigeren gehobenen Mittelschichten, die sich der attraktiven Innenstadt- und Innenstadtrandlagen für Arbeit, Wohnen und Freizeit bemächtigen und damit auch die Außenansicht von Stadt prägen.

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Integration und Segregation sind zwei Bewegungsformen des sozialen Entwicklungsprozesses, der in seiner Bewegungs-richtung aber nicht determiniert ist. Für den Raum München meinen wir Anzeichen dafür beobachten zu können, dass sich der stadtgesellschaftliche Zusammenhalt an einigen Ecken beginnt, sich tendenziell aufzulösen, sich desintegriert und fortschreitend individualisiert und sich in unterschiedliche soziale Gruppierungen segregiert. Dem halten wir die Leitvision der "Integration der Stadtgesellschaft bei gleichzeitig höchstmöglicher Autonomie der Einzelakteure" entgegen, die im Rahmen des Projekts "Zukunft München 2030" entwickelt werden soll und mit der die integrativen Kräfte sozialer Entwicklung im Raum München unterstützt und gestärkt werden sollen.

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Integration ist ein prozessualer Vorgang. Er findet individuell und in sozialen Gruppen statt. Eines der wichtigsten Integrationsmediem ist die Sprache, über die individuelle, soziale und kulturelle Verständigung vermittelt wird.

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Integration setzt eine teilweise und temporäre Segregation voraus. Segregation hat Ausschluss- und Schutzfunktionen. Das städtische Bürgertum hat sich immer schon abgegrenzt und damit die anderen soziale Gruppierungen sozial und räumlich segregiert, manchmal auch explizit ausgegrenzt, denen die unattraktiven Stadtquartiere verblieben.

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Für untere soziale Gruppen, aber auch für ausländische Migranten, kann Segregation die Funktion haben, in einer neuen Umgebung sich sozial und kulturell orientieren zu können und eine neue Identität zu finden. Segregation bedeutet Inklusion und Exklusion zugleich. Dieses "double bind" ist Überlebensstrategie für Individuen und soziale Gruppen, die in fremder Umgebung sich neu orientieren müssen. Eine starke soziale Binnenorientierung ist Ausdruck für Selbstschutz gegenüber fremden und widrigen äußeren Umständen. Bestimmte städtische Quartiere dienen als "Räume der Selbstfindung", ohne die Integration nicht stattfinden kann.

In abgeschwächter Form gilt der "double bind" für alle sozialen Schichten. Die Überwindung einer selbstgewählten sozialen Abgrenzung kann bei Immigranten mehrere Generationen dauern (etwa drei Generationen, bis sie als "integriert" gelten).

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In einer älter werdenden Stadtgesellschaft, in der "Familie" kein Ort der Sozialisation mehr ist, wird es im Interesse der Integration von alt und jung wesentlich werden, Kinder und Jugendlichen in umfassendem Maße Rückzugsräume bzw. soziale Erfahrungsräume zu gewähren und diese zu schüt-zen, in denen individuelle und soziale Identitätsbildung statt-finden kann.

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Aber auch die Entfaltung von Kreativität verlangt die Gewähr-leistung von Räumen in der Stadt, in der Kreativität autonom entwickelt werden kann. Insofern ist teilräumliche und temporäre Segregation notwendige Voraussetzung für eine innovative, vielfältige, integrationsorientierte Stadtgesellschaft.


München, 13.02.02

Detlev Sträter

 

 

 



 
 
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