| 1 |
Der Münchner Wettbewerbsbeitrag hat sich das Oberthema
"Autonomie und Integration" gestellt.
Damit soll ein Spannungsfeld benannt werden, innerhalb
dessen sich die zukünftige Entwicklung der Stadtgesellschaft
im Raum München bewegen könnte. Mit dem Begriff
der "Autonomie", der auf die Individualität
der Stadtbürger abstellt, sollen auch die zu beobachtenden
Prozesse der Individualisierung, der (individuellen)
Vereinzelung und der (sozialen, kollektiven) Segregation
ins Blickfeld genommen werden. Und mit dem Begriff der
Integration sollen die Prozesse angesprochen
werden, die auf ein - solidarisches - Miteinander von
alt und jung, von unterschiedlich begüterten sozialen
Schichten und von Migranten mit der einheimischen Bevölkerung
gerichtet sind. Solidarisches Miteinander schliesst
ein solidarisches "Nebeneinander" durchaus
mit ein. Integration ist nicht als einseitig gerichteter,
sondern als ein Prozeß der Gegenseitigkeit zu
verstehen, der sowohl Deutsche als auch Nichtdeutsche,
Minderheiten wie Mehrheiten betrifft.
|
| 2 |
Mit Autonomie und Integration werden bestimmte soziale
Entwicklungen nicht von vornherein als negativ oder
positiv bewertet. Vielmehr sollen mit Autonomie
und Integration die beiden Pole eines Spektrums von
z.T. widersprüchlichen, z.T. konvergierenden sozialen
Entwicklungen gekennzeichnet werden:
|
|
Die bürgerliche Stadtgesellschaft hat - in historischem
Sinne - immer den ökonomisch unabhängigen
Stadtbürger (den Ci-toyen) als Voraussetzung gehabt.
Auch die demokratische Partizipation an der Gestaltung
der lokalen Belange setzt die sozialökonomische,
kulturelle und intellektuelle Unabhän-gigkeit der
Bürger voraus. Autonomie findet ihren Ausdruck
auch in einer sich weiter ausfächernden Differenzierung
von Lebenslagen, Lebensstilen und Lebensmilieus, mit
denen tradierte soziale Schichten- und Rollenzuweisungen
- zumindest teilweise und individuell zumindest für
einzelne Lebensphasen - überlagert werden. Im weiteren
Sinne kann aber auch die Tendenz zur Individualisierung,
zur Vereinzelung, zur Auflösung überkommener
sozialer Strukturen (Familien, Haushalte, Nachbarschaften,
soziale Netze) darunter gefasst werden. Es muss jedoch
ein offenes Auge für neue Kommunikationsformen
und Zusammenschlüsse impliziert sein.
|
|
Auch der Begriff der sozialen Integration ist
komplex zu verstehen: Da gibt es das Verständnis
vom wechselseitigem Aufeinander-Zugehen verschiedener
sozialer Gruppen über die Assimilation etwa von
Migrantengruppen an sozial und kulturell dominierende
Verhaltensweisen, ist aber auch kompatibel mit autoriäteren
gesellschaftspolitischen Gesellschaftsmodelle wie etwa
der der "formierten Gesellschaft", die seinerzeit
von Beratern des Kanzlers Ludwig Erhard entworfen und
von konservativer Seite propagiert wurde..
|
|
Zur sozialen Integration gehört auch, Sicherheit
und Schutz in einem "engeren Kreis" zu
erfahren, was Offenheit "nach außen"
eher zu stärken scheint.
|
| 3 |
Für den Raum München wird häufig davon
ausgegangen, dass die wirtschaftliche Prosperität
der Vergangenheit sich auch in der absehbaren Zukunft
in ähnlicher Weise fortsetzen wird - wir wollen
diese Annahme zugleich aber auch auf ihre Tragfähigkeit
hin kritisch hinterfragen. Sollte die Prosperitätshypothese
- wie auch immer - plausibel sein, wollen wir danach
fragen,
|
| |
- welche Konsequenzen die wirtschaftlichen
Restrukturierungsprozesse, wie sie derzeit unter den
Bedingungen der Globalisierung, sprich: Internationalisierung
vonstatten gehen, auf die soziodemographischen und
sozialökonomischen Strukturen der Stadtgesellschaft
im Raum München haben könnten und
|
| |
- welche Handlungsmöglichkeiten und Handlungsnotwendigkeiten
sich daraus ergeben könnten.
|
| 4 |
Der soziodemographische Strukturwandel Münchens
ist - wie in allen verstädterten Gesellschaften
- geprägt durch ein verändertes generatives
Verhalten, Veränderungen im Wan-derungsverhalten
und im sozialen Zusammenleben (die Beispiele dazu sind
bekannt: sinkende Geburtenraten, Bedeu-tungsverlust
der Familie, labile soziale Beziehungen, wach-sendes
Armutsrisiko durch und von Kindern, Trend zu Klein-haushalten,
veränderte Erwerbs- und Armutswanderung, Bildung
neuer sozialer Netzwerke etc.).
|
| 5 |
Wir halten daran fest: Wenn die Stadt die sozialräumliche
Basis des modernen Kapitalismus ist, dann ist die moderne
Stadtgesellschaft ihrem Wesen nach antagonistisch.
Dieser Antagonismus drückt sich in vielfältigen
Formen sozialer Ungleichheit und Ungleichzeitigkeit
in Stadt und Region aus. Unzweifelhaft regeln die
wirtschaftlichen und politischen Macht- und Herrschaftsverhältnisse
die gesellschaftliche Verteilung ökonomischer,
sozialer und kultureller Ressourcen und erzeugen erhebliche
Unterschiede in den Lebensverhältnissen und Lebenschancen.
|
| 6 |
Die traditionellen Vorstellungen von sozialer Ungleichheit
werden in primär vertikalen, hierarchisch
gegliederten sozialen Klassen- und Schichtenmodellen
reflektiert. Doch ge-rade die moderne postfordistische
Stadtgesellschaft - und hier kann München als prototypisch
gelten - wird zunehmend überformt durch die Bildung
unterschiedlicher sozialer Milieus, sozialer Kulturen
und Subkulturen, neuer sozialer Netzwerke und die Ausbildung
differenzierter Lebensstile. Es bilden sich Vorstellungen
von nebeneinander bestehenden unterschiedlichen Lebenslagen,
Lebensstilen und Lebensentwürfen. Sie stellen
eine primär horizontal gegliederte Vielfalt
dar. Da dies auf einem relativ gesicherten Wohlstandsniveau
passiert, entsteht der Eindruck, als ob diese Lebensstile
und Lebenslagen von ihren Trägern jenseits sozialer
Klassen- und Schichtzugehörigkeit ausgeprägt
und eingegangen werden könnten.
|
| 7 |
Diese Pluralisierung der Lebensstile und Lebenslagen
betrifft nicht alle sozialen Schichten in gleicher Weise.
Vor allem sind es die ökonomisch potenteren und
sozial unabhängigeren gehobenen Mittelschichten,
die sich der attraktiven Innenstadt- und Innenstadtrandlagen
für Arbeit, Wohnen und Freizeit bemächtigen
und damit auch die Außenansicht von Stadt prägen.
|
| 8 |
Integration und Segregation sind zwei Bewegungsformen
des sozialen Entwicklungsprozesses, der in seiner Bewegungs-richtung
aber nicht determiniert ist. Für den Raum München
meinen wir Anzeichen dafür beobachten zu können,
dass sich der stadtgesellschaftliche Zusammenhalt an
einigen Ecken beginnt, sich tendenziell aufzulösen,
sich desintegriert und fortschreitend individualisiert
und sich in unterschiedliche soziale Gruppierungen segregiert.
Dem halten wir die Leitvision der "Integration
der Stadtgesellschaft bei gleichzeitig höchstmöglicher
Autonomie der Einzelakteure" entgegen, die
im Rahmen des Projekts "Zukunft München 2030"
entwickelt werden soll und mit der die integrativen
Kräfte sozialer Entwicklung im Raum München
unterstützt und gestärkt werden sollen.
|
| 9 |
Integration ist ein prozessualer Vorgang. Er
findet individuell und in sozialen Gruppen statt. Eines
der wichtigsten Integrationsmediem ist die Sprache,
über die individuelle, soziale und kulturelle Verständigung
vermittelt wird.
|
| 10 |
Integration setzt eine teilweise und temporäre
Segregation voraus. Segregation hat Ausschluss- und
Schutzfunktionen. Das städtische Bürgertum
hat sich immer schon abgegrenzt und damit die anderen
soziale Gruppierungen sozial und räumlich segregiert,
manchmal auch explizit ausgegrenzt, denen die unattraktiven
Stadtquartiere verblieben.
|
| 11 |
Für untere soziale Gruppen, aber auch für
ausländische Migranten, kann Segregation die Funktion
haben, in einer neuen Umgebung sich sozial und kulturell
orientieren zu können und eine neue Identität
zu finden. Segregation bedeutet Inklusion und Exklusion
zugleich. Dieses "double bind" ist Überlebensstrategie
für Individuen und soziale Gruppen, die in fremder
Umgebung sich neu orientieren müssen. Eine starke
soziale Binnenorientierung ist Ausdruck für Selbstschutz
gegenüber fremden und widrigen äußeren
Umständen. Bestimmte städtische Quartiere
dienen als "Räume der Selbstfindung",
ohne die Integration nicht stattfinden kann.
|
|
In abgeschwächter Form gilt der "double
bind" für alle sozialen Schichten. Die
Überwindung einer selbstgewählten sozialen
Abgrenzung kann bei Immigranten mehrere Generationen
dauern (etwa drei Generationen, bis sie als "integriert"
gelten).
|
| 12 |
In einer älter werdenden Stadtgesellschaft, in
der "Familie" kein Ort der Sozialisation mehr
ist, wird es im Interesse der Integration von alt und
jung wesentlich werden, Kinder und Jugendlichen in umfassendem
Maße Rückzugsräume bzw. soziale Erfahrungsräume
zu gewähren und diese zu schüt-zen, in denen
individuelle und soziale Identitätsbildung statt-finden
kann.
|
| 13 |
Aber auch die Entfaltung von Kreativität verlangt
die Gewähr-leistung von Räumen in der Stadt,
in der Kreativität autonom entwickelt werden kann.
Insofern ist teilräumliche und temporäre
Segregation notwendige Voraussetzung für eine innovative,
vielfältige, integrationsorientierte Stadtgesellschaft.
|
|
München, 13.02.02
Detlev Sträter
|