Abschluss-Veranstaltung des Forschungsverbundes Stadt 2030
am 24./25. September 2003 in Braunschweig

 

Stephan Reiß-Schmidt

Kommunale Wirklichkeit zwischen Möglichkeiten und Grenzen

Thesenpapier zur Podiumsdiskussion


1. Handlungsspielräume nutzen und erweitern

Im europäischen und weltweiten Vergleich haben die deutschen Städte einen vom Grundgesetz garantierten, relativ großen Handlungsspielraum für eigenständige Politik. Nicht immer und überall wird dieser Spielraum offensiv und kreativ genutzt. Vor allem auf regionaler Ebene gibt es noch zahlreiche ungenutzte Synergiepotenziale durch mehr Kooperation.

Tatsächlich ist die kommunale Selbstverwaltung aber derzeit durch finanzielle Auszehrung und Missachtung des Konnexitätsprinzips durch den Staat massiv bedroht. Dagegen muss mit aller Energie von allen politisch verantwortlichen Kräften in den Städten gekämpft werden. Viel gewonnen wäre auch schon, wenn kommunale Konzepte, Steuerungsinstrumente und Projekte nicht durch gegenläufige staatliche Politik (Deregulierung, Steuerrecht, Subventionen mit der Folge von Fehlallokationen) usw. konterkariert würden.

2. Integration und sozialer Frieden durch aktive Kommunalpolitik

In vielen städtischen Handlungsfeldern (z.B. Sozialbereich, Bildung, Kultur) besteht erheblicher Handlungsdruck. Die aus der Haushaltskonsolidierung erwachsenden Zwänge engen die Handlungsspielräume erheblich ein.

Die sozialen und kulturellen Folgen von Globalisierung, Flexibilisierung, Beschleunigung, Alterung der Stadtgesellschaft und zunehmender weltweiter Migration lassen sich aber wirksam nur auf örtlicher Ebene, in den Gemeinden, Städten und Regionen in enger Kooperation der Akteure der Stadtgesellschaft bewältigen. Dichte Kommunikationsnetze, Nähe und Mischung unterschiedlicher sozialer und kultureller Gruppen, das Wahrnehmen (und Akzeptieren) andersartiger Lebensstile sind Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben.

Die Kunst des ausgleichenden Spagats zwischen diesen Anforderungen besteht in einer Besinnung auf die ursprünglichen kommunalen Kernaufgaben, ohne dabei neuen Herausforderungen und nach vorne gerichteten Visionen die Wege zu verbauen. Von großer Bedeutung sind dafür politisch getragene, langfristige und vor allem Ressort übergreifende Leitlinien der Stadtentwicklung.

Die Notwendigkeit, sich zu konzentrieren, bedeutet auch einen zunehmenden Verteilungswettbewerb. In der Auseinandersetzung zwischen divergierenden sektoralen und teilräumlichen Präferenzen droht die Gefahr, dass gesamtstädtisch und überfachlich optimierte Schwerpunktsetzungen auf der Strecke bleiben.

3. Die Bürger vom "Kunden" zum "Koproduzenten" machen

Kostenlose Wege in die Zukunft gibt es nicht. Eine gesicherte Finanzierung kommunaler Kernaufgaben ist deshalb unerlässliche Voraussetzung für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Genauso wichtig ist es, die Verteilung von Nutzen und Lasten im regionalen Maßstab kritisch zu überprüfen und gerechter zu gestalten.

Fast noch wichtiger ist es, die Bürgerinnen und Bürger, die Unternehmen und die aktiven Vereine und Verbände einer Stadtregion mit ihrer Kreativität und Leistungsfähigkeit als aktive Partner der Stadtentwicklung zu gewinnen. Dies setzt verlässliche und transparente Leitlinien und Planungskonzepte voraus.

4. Integrierte, strategische Stadtentwicklungskonzepte und aktives Stadtentwicklungsmanagement für eine zukunftsorientierte Stadtpolitik

Durch die sich immer rascher verändernden Rahmenbedingungen und die ständig wechselnden Anforderungen der Akteure wächst die Gefahr reaktiven Handelns. Nachhaltige Stadtentwicklung braucht dagegen soziale, technische, kulturelle und wirtschaftliche Innovationen. Diese entstehen nicht durch isoliertes, individuelles Handeln oder enge Ressortpolitik. Synergien und Integration, Kommunikation und Kooperation sind notwendig, damit urbane Kreativität in Produkte und Prozesse, die auch exportfähig sind, umgesetzt werden können.

Eine moderne langfristig orientierte Stadtentwicklungsplanung und ein aktives Stadtentwicklungsmanagement sind geeignete Instrumente, um lokale Kräfte zu moderieren und über gemeinsame Leitbilder zu konkreten Projekten und messbaren Veränderungen zu kommen. Die Integration von Fachpolitiken und unterschiedlichen Präferenzen gesellschaftlicher Gruppen in einem gemeinsamen Diskussions- und Arbeitsprozess setzt eine ausgeprägte Planungs- und Gesprächskultur in Verwaltung und Politik voraus. Dies ist in der Regel wichtiger als wissenschaftliche Vollständigkeit und Stringenz.

5. Wissenschaft und Praxis: zwei Facetten der Zukunftsgestaltung

Um neue Entwicklungschancen auszuloten, bedarf es ausreichender Freiräume zu Erproben. In Zeiten knapper Kassen ist allerdings in der Praxis die Neigung zu "Experimenten" gering, Konsens und Abgewogenheit stehen eher im Vordergrund. Hier können Wissenschaft und Forschung eine wichtige Rolle in der Zukunftsgestaltung von Städten und Regionen spielen.

Die Stadtregion bietet der Wissenschaft den Ort, das kreative Milieu und die soziale Einbindung, die sie braucht, um ihre Potenziale zu entfalten. Die Wissenschaft hat damit auch eine Bringschuld gegenüber der Stadtgesellschaft. Sie kann kreative Prozesse der Zukunftsgestaltung anstoßen, kritisch begleiten, Raum für Experimente bieten und die Ergebnisse evaluieren.

6. Ausblick : Anregungen nutzen, Ideen weiterentwickeln

Das "Projekt Zukunft Stadt 2030" hat in vielen Städten unterschiedlicher Größe und unterschiedlicher Zukunftsaufgaben gezeigt, dass aus dem Dialog von Wissenschaft und Praxis ein fruchtbares Spannungsfeld mit Ideen, Szenarien und Konzepten entstehen kann. Wenn die Städte bereit sind, sich auf die Risiken und Herausforderungen experimenteller kritischer und weit nach vorne schauender Stadtforschung einzulassen, dann können und werden sie daraus für die Bewältigung ihrer Zukunftsprobleme viele Anregungen, konkrete Anstöße und methodische Hilfen bekommen.

Die Städte - und hier insbesondere die für die integrierte Stadtentwicklungsplanung zuständigen Politikerinnen und Politiker, Planerinnen und Planer sind aufgerufen, die Impulse aus den lokalen Projekten des Forschungsprogramms aufzugreifen und daraus Leitlinien und Modellprojekte für ihre Städte und Regionen zu entwickeln.

Der Abschlusskongress des Forschungsprogramms "Stadt 2030" sollte deshalb der Beginn eines weiter führenden Zukunftsdialoges zwischen Wissenschaft und Praxis sein.

München, 22.09.2003

 

Stephan Reiß-Schmidt, Dipl.-Ing., Stadtdirektor, ist Leiter der Hauptabteilung Stadtentwicklungsplanung im Referat für Stadtplanung und Bauordnung der Landeshauptstadt München und Vorsitzender der Fachkommission Stadtentwicklungsplanung des Deutschen Städtetages.


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