Quelle:

Stadt 2030

 

 

Soziale Ungleichheit

Kurze Erläuterungen zum Begriffsverständnis im Beitrag Münchens zum Ideenwettbewerb Stadt 2030

von Detlev Sträter

Im Mittelpunkt des Beitrags Münchens zum Städtewettbewerb Stadt 2030 steht das Begriffspaar von Autonomie und Integration. Es thematisiert ein dem Grundsatz nach widersprüchliches Spannungsfeld, denn der maximalen sozialen und ökonomischen „Autonomie“ ist der Integrationsgedanke fremd, und weitgehende soziale und ökonomische Integration setzt zumindest teilweisen den Verzicht auf Autonomie voraus.
Dennoch halten wir dieses Spannungsfeld als grundlegend für die weitere Entwicklung von Stadt und Region in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Es ist Thema der im Projekt „Zukunft München 2030“ zu entwickelnden Leitvision der „Integration der Stadtgesellschaft bei gleichzeitig höchstmöglicher Autonomie ihrer Einzelakteure“. Ausgehend von der durchaus zu relativierenden Annahme, dass die wirtschaftliche Prosperität der Vergangenheit und Gegenwart im Raum München ihre Entwicklungsrichtung auch in absehbarer Zukunft nicht grundlegend ändern wird, wird gefragt, welche Konsequenzen die ökonomischen Restrukturierungsprozesse unter den Bedingungen von Globalisierung auf die soziodemographischen und sozialökonomischen Strukturen der Stadtgesellschaft im Raum München haben könnten und welche Handlungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten sich daraus ergeben.

Moderne Stadtgesellschaften sind geprägt von sozialer Ungleichheit (und Ungleichzeitigkeit). Unter diesen Begriff werden vielfältige Ausdrucksformen ungleicher Lebensbedingungen und Lebenschancen von Menschen gefasst. Die wirtschaftlichen und politischen Macht- und Herrschaftsverhältnisse sind maßgeblich für die Regulierung gesellschaftlicher Verteilung ökonomischer, sozialer und kultureller Ressourcen und erzeugen erhebliche Unterschiede in den Lebensverhältnissen und Lebenschancen. In der sozialen Ungleichheit drückt sich die ungleiche Verteilung von Lebenschancen, von Chancen auf die Verwirklichung von Lebenszielen aus.

Der soziodemographische Strukturwandel moderner verstädterter Gesellschaften ist geprägt durch verändertes generatives Verhalten, Veränderungen im Wanderungsverhalten und im sozialen Zusammenleben. Dies kommt unter anderem darin zum Ausdruck, dass die Haushaltsgrößen schrumpfen, dass die groß- und kleinräumigen Wanderungen dem Sozialgefüge der Stadtgesellschaft ihren Stempel aufdrücken, konkret insbesondere auch durch den Zuzug und Fortzug von Ausländern (Arbeitsemigranten aus Süd- und Osteuropa, politische Flüchtlinge aus vor allem südosteuropäischen Kriegsgebieten und Armutswanderer) und dass neben das reproduktive und soziale Netz der Familie als ehedem gesellschaftlichem Kernbaustein andere Formen des Zusammenlebens treten. Ein-Personen-Haushalte stellen in München und anderen Großstädten schon die Mehrzahl der Haushalte, der Typus „klassische Familie“ – Paare mit mindestens einem Kind – stellt in Großstädten nurmehr eine Randgröße dar. Trennungen und Scheidungen von Paaren erhöhen die Zahl der Ein-Personen-Haushalte zumindest als Durchgangsstadium und machen aus Familien sog. unvollständige Familien, alleinerziehende Mütter oder Väter, die – in wirtschaftlicher Betrachtung – einem besonders hohen Armutsrisiko ausgesetzt sind.

Nicht nur, dass die soziodemographische Struktur der sozialkollektiven Lebensgemeinschaften starken Wandlungsprozessen unterliegt, auch die Stadtgesellschaft als ganze ist dem Wandel unterworfen – und somit verändern sich auch die Ausprägungen sozialer Ungleichheit.

Die traditionellen Vorstellungen von sozialer Ungleichheit werden in primär vertikalen, hierarchisch gegliederten sozialen Klassen- und Schichtenmodellen reflektiert. Diese sind auch nach wie vor konstitutiv für die Ungleichheit von Gesellschaftsstrukturen. Doch gerade die moderne städtische Gesellschaft wird zunehmend überformt durch die Bildung unterschiedlicher sozialer Milieus, sozialer Kulturen und Subkulturen, sozialer Netze und die Ausprägung differenzierter Lebensstile – also Vorstellungen von nebeneinander bestehenden unterschiedlichen Lebenslagen, Lebensstilen und Lebensentwürfen. Sie stellen die primär horizontal gegliederte Vielfalt dar. Nicht mehr allein die soziale Herkunft, Verfügung über bzw. Teilhabe an Einsatz und Gestaltung der gesellschaftlichen Produktivkräfte, das Einkommensniveau oder der Zugang zu Bildungsmöglichkeiten bestimmen die Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppen, vielmehr prägen auch individuelle Lebensentwürfe, denen Werthaltungen und eine bewusste Lebensgestaltung im Rahmen der eigenen wirtschaftlichen Möglichkeiten zugrunde liegen, zunehmend die soziale Gliederung der Stadtgesellschaft. Man könnte auch – vergröbernd – sagen: Die (im Wesentlichen vertikal gegliederten) Sozialstrukturen der Industriegesellschaft werden überformt durch die (primär horizontal gegliederte) Vielfalt von Sozialstrukturen einer „postindustriellen“ Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft.

Der Raum München kann in gewisser Weise als prototypisch für diese nachindustriellen Sozial- und Gesellschaftsstrukturen gelten, als ein Reflex des ökonomischen Wandels in der Region. Der wirtschaftliche Aufstieg Münchens erfolgte auf wirtschaftlichen Feldern und in Branchen, die jeweils als „modern“ galten und gelten; und neben der Rolle als Industriestandort hatte die Solitärstadt München auch in der Vergangenheit immer schon auch Dienstleistungs-, Ausbildungs-, Kultur- und Verwaltungsfunktionen für sich und das weite Umland auszuüben. Die Branchenvielfalt trug dazu bei, dass keine monoindustriellen „Altlasten“ den Strukturwandel blockierten und sich der Wandel zu einem nachindustriell geprägten Wirtschaftsraum vollziehen konnte. Auch aus den verbliebenen industriellen Strukturen sind die Fertigungsfunktionen zu einem Teil ausgelagert worden. Forschung, Entwicklung und Innovation sowie die Informations-, Kommunikations- und Medienwirtschaft wurden tragende Säulen des Wirtschaftsraumes. Wissenserzeugung, Innovation und Kreativität in einem urbanen Umfeld sind heute die treibenden Fortschrittskräfte der Wirtschaftsbasis des Raumes München.

Dies hat seinen Niederschlag im Wandel der Stadtgesellschaft gefunden. Auf der einen Seite verlangen die Innovations- und Kreativitätskräfte vielfältige fachliche und soziale Qualifikationen und Fähigkeiten zur Anpassung an die sich beschleunigenden Wirtschaftsprozesse. Dies lässt unterschiedlichste berufliche und soziale Milieus entstehen, lässt aber auf der anderen Seite bestehende soziale Strukturen obsolet werden oder gar zerbrechen und vertieft, wenn die Beobachtungen nicht täuschen, die Spaltung der Stadtgesellschaft in jene sozialen Gruppen, die die Anpassungsleistungen – aus welchen Gründen und mit welchen Konsequenzen auch immer – erbringen, und in solche, die dem Tempo des wirtschaftlichen und sozialen Wandels nicht mehr folgen können. Mit dem Wegfall von sozialen Gruppen können aber in der Tendenz auch jene Funktionen und Tätigkeiten auf Feldern der lokalen Ökonomie (Handwerk, Handel, personale Dienstleistungen usw.) nicht mehr erbracht werden, die notwendig sind, um den wirtschaftlichen Antrieb zu gewährleisten und den Wachstums- und Restrukturierungsprozess weiterhin hochtourig und friktionslos laufen zu lassen.

Im derzeit zu beobachtenden Wandel sozial ungleicher Strukturen zu einem Nebeneinander verschiedener sozialer Milieus, Lebensstile und Individualisierungsstrategien kommen unzweifelhaft Wohlstandsphänomene zum Ausdruck, doch ist damit noch keineswegs entschieden, dass sich soziale Ungleichheit auch in Zukunft als ein Nebeneinander sozialer Vielfalt präsentieren muss. Als eine von mehreren Optionen der Zukunftsentwicklung könnte sich möglicherweise herausstellen, dass die derzeitig sich abzeichnende wirtschaftliche Ungleichzeitigkeit von High-Tech-Branchen und lokaler Ökonomie auch die soziale Ungleichzeitigkeit verschärft und damit die soziale Diskrepanz in der Stadtgesellschaft vertieft – mit heute noch nicht absehbaren Folgen. Denkbar ist, dass dann wieder die Vorstellungen von einem Oben und Unten stadtgesellschaftlicher Gliederungen gestärkt werden, in neuen Ausdrucksformen, mit dem Aufbrechen neuer (oder alter?) Widersprüche.

Für die Arbeit im Projekt „Zukunft München 2030“ hat dies zur Konsequenz, dass die Zukunftsentwicklung zwar nicht völlig offen, aber optional gesehen werden muss. Deshalb halten wir es für sinnvoll, für den Raum München im Jahre 2030 drei kontrastierende Szenarien zu entwickeln. Sie bauen auf alternativen Grundvorstellungen zur Wirtschafts- und Arbeitsgesellschaft im Raum München auf und münden in alternative Darstellungen zur Sozialentwicklung und raumstruktureller Tendenzen. Was kennzeichnet und worin unterscheiden sich die Szenarien?

Das erste Szenario geht davon aus, dass die Stadtgesellschaft geprägt ist vom Ausleben der Einzelinteressen im geordneten Rahmen der repräsentativen Demokratie und der etablierten Institutionen. Der Individualnutzen zählt eindeutig mehr als der Gemeinschaftsnutzen. Auf diese Weise können sich die Einzelinteressen doch nicht optimal entfalten, weil der Gemeinschaft Basisfunktionen entzogen werden.

Ein weiteres Szenario nimmt einen Wandel der Wertvorstellungen an. Die Menschen der Stadtregion verstehen sich nicht länger als Konsumenten, die das Gemeinwesen vor allem als Lieferanten einer möglichst breiten Auswahl hochwertiger Angebote schätzen, sondern als aktive Mitgestalter der Verhältnisse, in denen man leben möchte. Der emanzipierte Bürger des Jahres 2030 verfügt über eigenes Urteilsvermögen, versteht sich als Dialogpartner bei der Ausgestaltung von Dienstleistungen, stärkt seine Kompetenz in Netzwerken, schliesst sich in informellen Gemeinschaften zusammen, die mehr Durchsetzungskraft entwickeln als etablierte Hierarchien, trägt aber auch seine Wertvorstellungen in bestehende Institutionen hinein und reformiert diese.

Dieses Szenario zielt eindeutig auf eine Stadtregion der sozialen Integration ab. Diese Zielorientierung soll in die Formulierung des Leitbildes zwischen „Autonomie und Integration“ eingehen. Bei der Formulierung dieses Leitbildes ist zu berücksichtigen:

Gesellschaftliche, kulturelle und technische Innovationen sind auch in einer postindustriellen Gesellschaft nur auf Basis einer differenzierten Stadtkultur möglich. Nähe, Dichte und direkte Konfrontation mit dem jeweils Anderen sind Voraussetzung für die Entdeckung und Verbreitung neuer Gedanken und Produkte. Auch und gerade unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit gilt es, die kompakte, sozial und baulich vielfältige, von öffentlichen Räumen strukturierte europäische Stadt zu stärken und weiterzuentwickeln. Räumliche und ästhetische Fragen sind immer auch politische Fragen (Verteilung kultureller und politischer Macht, Vermögensverteilung, Zugangschancen usw.). Stadtraum ist nicht bloße Konkretion gesellschaftlicher Strukturen, sondern eigenständiger und eigenwertiger Faktor mit konstituierender Kraft für die städtische Gesellschaft; Stadtraum ist nicht nur Reflex, sondern auch Impuls.

Mit drohender Segmentierung und zunehmender Segregation sozialer und ethnischer Gruppen im Stadtraum sind gegensteuernde Strategien einzuführen:

  • Integration durch erwerbsorientierte und soziale Bildung, Ausbildung, bürgerschaftliches Engagement usw.,

  • Integration und Identifikation durch Qualitätssteigerung des Stadtraums und der Stadtkultur, durch lebendige Quartiere
  • Integration durch sinnstiftende Freizeitaktivitäten, Sport u.Ä. und Bereitstellung der dafür geeigneten öffentlichen Stadträume

Ein wesentliches Entscheidungsfeld für die Zukunftsfähigkeit der Stadtregion München wird die Integration von Ausländerinnen und Ausländern in die städtische Gesellschaft sein. Der Sonderstatus „Ausländer“ wird seine Bedeutung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten verlieren. Integration ist aber weniger ein Verwaltungsakt der Einbürgerung als gelebtes soziales und kulturelles Einbeziehen in die Lebens- und Arbeitswelt. Dies verlangt Integrationsleistungen auf beiden Seiten. Ungeachtet der Notwendigkeit europäischer und nationaler Regelungen zur Freizügigkeit und zur Einbürgerung ist es Aufgabe der politisch-administrativen Entscheidungsträger in Stadt und Region, die Voraussetzungen für eine Gleichstellung von Ausländern mit der einheimischen Bevölkerung zu schaffen. Integration kann aber nicht dekretiert werden, sondern muss geübt und gelebt sein – in sozialer und kultureller Offenheit bei gegenseitigem Respekt, wozu die Stadtquartiersebene am besten geeignet erscheint.
Ebenso notwendig wird es in den kommenden Jahren sein, den demographischen Wandel der Gesellschaft aktiv zu begleiten. Unter Status-quo-Bedingungen wird das Altern der Stadtgesellschaft häufig dramatisch beschrieben, so dass der aus dem Erwerbsleben ausgeschiedene ältere Mensch als ein Hemmfaktor für die weitere Entwicklung erscheint. Es gilt stattdessen eine Perspektive zu entwickeln, in der auch unter erheblich veränderten demografischen Bedingungen ein solidarisches Zusammenleben in der Stadt von Alt und Jung möglich ist oder wird. Es gilt, die Vorzüge der jeweiligen Lebens- und Altersphase für das Zusammenleben im Quartier zu mobilisieren und die Chancen einer altersmäßig und sozial durchmischten Quartiersbevölkerung hervorzuheben.

Stadt des sozialen Ausgleichs sein zu können, setzt auch die physische und psychische Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger voraus. Gesundheitsvorsorge verlangt Eigenverantwortung der Bürger, aber auch eine lokale bzw. regionale Politik der Gesundheitsförderung zur Herstellung und Sicherung gesunder Arbeits- und Lebensverhältnisse in der Stadtregion. München verfügt über eine breit gefächerte Gesundheitsinfrastruktur (Kliniken und Krankenhäuser sowie Vorsorge- und Rehabilitationseinrichtungen aller Art, eine hohe Dichte niedergelassener Ärzte usw.). Eine nachhaltige Gesundheitsförderung verlangt darüber hinaus aber auch umfassende Vorsorge- und Vermeidungsmaßnahmen im Umweltschutz (Vermeidung von Lärm- und Luftbelastungen, Stressvermeidung usw.). Gesundheitsförderung kann dazu beitragen, Lebensstile und die städtische Infrastruktur so zu ändern, dass sich die Lebensqualität ohne höheren Ressourcenverbrauch verbessert. Sie schließt Kooperationen in der Gesundheitsförderung und der Gesundheitsversorgung ein und begreift das Thema Gesundheit auch als Wirtschaftsfaktor und Feld für Qualitätsmanagement.

Eine zukünftige „soziale Stadtkultur“ verlangt Denk- und Ressortgrenzen überschreitende, vorsorgende integrierte Konzepte und Strategien. Gefordert ist eine neue Qualität stadtkultureller und sozialer Initiativen und Aktionen. Die gegebenen politisch-administrativen Institutionen müssen sich neuen, offeneren Konstellationen zuwenden. Zukunftsorientierte Stadtstrategien verlangen mehr Freiheit für Experimente, lokale und regionale Sonderwege, zurechenbare Ergebnisverantwortung und flexible Steuerungssysteme, d.h. durch größere Problemnähe mehr Beteiligungschancen und mehr Transparenz.

 
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